Blockchain, aber nicht Bitcoin. Wirklich?

Roland Stadler Senior Manager and Data & Analytics Specialist, PwC Switzerland 31 Jul 2018

Das Themenfeld Kryptowährungen ist neu und wild, seine Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft noch grösstenteils unbekannt. Trotzdem ist es wichtig, sich im Geschäftskontext ein Grundwissen dazu anzueignen. Wir zeigen Ihnen wie. Und warum. 

Es gibt Geld. Und dann gibt es noch Tokens.

Als Erstes bietet sich eine Definition der Begriffe an. Denn «Währungen» im wörtlichen Sinn gibt es nur wenige. Die Bezeichnung «Digital Assets» bringt die Sache besser auf den Punkt.

  • Währungen wie Bitcoin sind Zahlungsmittel und Zahlungsnetzwerk zugleich. Sie stellen tatsächlich «Geld» dar. Ziel ist es, digitales Bargeld zur Verfügung zu stellen, das sich ohne zentrale Institution nutzen lässt. Bitcoin ist seit knapp zehn Jahren in Betrieb, funktioniert störungsfrei und wurde noch nie gehackt – trotz eines Gesamtwerts von über 100 Milliarden Schweizer Franken. Im Gegensatz zu dem uns vertrauten Geld, das von einer Zentralbank herausgegeben wird und einer steten Inflation unterliegt, ist Bitcoin wie eine knappe Ressource angelegt: Insgesamt wird es nie mehr als 21 Millionen Bitcoins geben; über 17 Millionen sind bereits im Umlauf. Täglich wird mit Bitcoin ein Volumen von mehreren Milliarden Franken transferiert.
  • Utility Token dienen als «Treibstoff» für die Nutzung einer Software oder Dienstleistung. Damit man zum Beispiel den Weltcomputer Ethereum anwerfen kann, benötigt man Ether für die Transaktionsgebühren. Obwohl Bitcoin und Ether häufig in einem Zug genannt werden und mit beiden finanziell fleissig spekuliert wird, könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Ethereum will eine Plattform zur Ausführung von sogenannten Smart Contracts schaffen. Das sind sich selbst ausführende Verträge, die juristische Institutionen oder sonstige Mittelmänner überflüssig machen. Diese Technologie ist vielversprechend, aber noch höchst experimentell und hat bisher noch keine überzeugenden Anwendungen hervorgebracht. Trotz des Themenhypes haben die fünf wichtigsten Ethereum-Apps aktuell weniger als 1000 tägliche Nutzer.
  • Security Token stellen digitale Wertpapiere dar, wie zum Beispiel Unternehmensanteile oder Anrechte an künftigen Erlösen eines Projekts. Diese Werte sind regulatorisch heikel, da sie grundsätzlich denselben Regeln wie der Börsengang eines Unternehmens unterliegen können. Daher werden sie in Projektbeschreibungen häufig als «Crowdfunding» oder sogar als «Spenden ohne jegliche Anrechte» beschrieben. Allerdings ist das Augenwischerei.

Anwendungsbereiche

Die verschiedenen «Digital Assets» sind sich vordergründig ähnlich, verfolgen aber bei genauerem Hinschauen unterschiedliche Ziele. Spekuliert wird in allen Bereichen viel. Wirklich nutzen lassen sich heute jedoch nur die digitalen Währungen.

  • Die Spekulation auf steigende Kurse hat die «Digital Assets» Ende 2017 in die Schlagzeilen gebracht. Seither sind Kurse und Berichterstattung wieder zurückgegangen. Bitcoin gilt als langfristige Anlage: Der Investor setzt auf eine grössere Akzeptanz der Währung als Zahlungsmittel oder digitales Gold. Dabei spielt vor allem die technische Stabilität eine grosse Rolle. Durch eine konservative technologische Weiterentwicklung steht Sicherheit und Widerstandsfähigkeit gegen äussere Einflussnahme über allem.
  • Die Utility und Security Token sollten als «Venture Capital» verstanden werden, das heisst als Investition in ein Start-up im frühesten Stadium mit hoher Innovationsgeschwindigkeit («move fast and break things»). In diesem Umfeld ist das Risiko von Fehlschlägen schon bei ehrlichen Projekten enorm hoch. Im aktuellen Blockchain-Hype dürfte dazu der Anteil an Bauernfängerei signifikant sein.
  • Als Zahlungsmittel funktioniert Bitcoin heute schon sehr gut. Kleine bis grösste Beträge lassen sich innerhalb von Minuten weltweit übertragen. Das schafft zurzeit kein anderes Finanznetzwerk. Ein Einzelhändler kann ohne Hilfe eines Dienstleisters Zahlungen direkt auf sein Tablet oder Kassensystem empfangen. Im internationalen Handel, wo bei traditionellem Zahlungsverkehr teilweise sehr hohe Transaktionsgebühren anfallen, kann Bitcoin mit Gebühren im Rappenbereich einen erheblichen Kostenvorteil bringen. Neue Entwicklungen wie das «Lightning Network» setzen auf Bitcoin und können Kleinstbeträge (Hundertstel Rappen bis mehrere Franken) in Millisekunden übertragen. Das ermöglicht völlig neue Formen des Micropayments, beispielsweise für Spiele oder Medien. Natürlich stehen dem heute noch die geringe Verbreitung und die hohe Volatilität gegenüber. Das Thema enthält also noch etwas technischen Enthusiasmus und Spekulation.

Mit Bitcoin entsteht eine neue Währung ausserhalb eines Nationalstaats. Nach der Verbreitung des Internets und der Transformation vieler Branchen durch die Digitalisierung könnte es durchaus sein, dass das Konzept «Geld» infrage gestellt wird. Dies ist technologisch, soziologisch und ökonomisch spannend und bietet eine Vielzahl neuer Chancen für innovative Geschäftsmodelle. Darum sollten Sie sich für Bitcoin & Co. interessieren. Verfallen Sie dabei nicht dem ICO-Hype und falschen Versprechungen wie «Blockchain, aber nicht Bitcoin». Und erkennen Sie das disruptive Potenzial von digitalen Assets.

Das Wichtigste in Kürze

  • "Blockchain" und "Distributed Ledger Technology" sind fieberhaft auf der Suche nach dem ultimativen Use-Case. Dabei geht das Offensichtliche vergessen: dieser ist mit Bitcoin bereits da. Nichts hat mehr disruptives Potential als die Institution "Geld" als solche zu revolutionieren.
  • "Smart Contracts" und die Tokenisierung von Vermögenswerten aus der realen Welt werden sich in Zukunft auf die Geschäftswelt auswirken. Aber wahrscheinlich nicht mit der heutigen Technologie, die noch in den Kinderschuhen steckt.
  • Halten Sie sich vom aktuellen ICO-Hype fern. Es handelt sich meistens um Betrug und selbst ehrliche Projekte sind so klein, dass der Markt leicht manipuliert werden kann.

 

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