Das Schachbrett der Funktionsbewertung

The chessboard of job evaluation
  • Insight
  • 15/02/26

Warum Fairness und Leistung davon abhängen, wie Unternehmen Entscheidungen über die Zeit strukturieren

Wichtige Erkenntnisse für Führungskräfte

  • Funktionsbewertung ist eine Führungsverantwortung – kein delegierbarer technischer Prozess und prägt grundlegend, wie Fairness und Legitimität entstehen.
  • Wahrgenommene Gerechtigkeit beeinflusst das Verhalten: Wenn die Logik der Funktionsbewertung verstanden und als vertrauenswürdig erlebt wird, steigen Engagement und kollektive Leistungsbereitschaft.
  • Ein kohärenter Rahmen für die Funktionsbewertung schafft Stabilität, ermöglicht konsistente Entscheidungen und reduziert das Empfinden von Willkür.
  • Mit zunehmender Transparenz steigen die Erwartungen: Führungskräfte sollen erklären und vertreten können, wie Funktionen bewertet und vergütet werden.
  • Die Aufrechterhaltung von Gerechtigkeit erfordert eine sorgfältige Koordination und die Abfolge struktureller, adaptiver und transformativer Bewertungsentscheide, statt isolierter Einzelanpassungen.

Die meisten Unternehmen unterschätzen, wie stark die Funktionsbewertung alltägliche Entscheidungen beeinflusst – bis Fairness in Frage gestellt wird, Vertrauen erodiert oder die Leistung abnimmt. Die Funktionsbewertung wird nach wie vor weitgehend als technischer HR-Prozess behandelt, der punktuell überprüft wird – etwa als Reaktion auf Lohnkonflikte, regulatorischen Druck oder organisatorische Veränderungen. In Wirklichkeit definiert sie jedoch die Spielregeln, durch die Fairness, Glaubwürdigkeit und nachhaltige Leistung entstehen. Wie im Schach kommt der Erfolg nicht durch einzelne Züge zustande, sondern durch die Art und Weise, wie Entscheidungen über die Zeit strukturiert und aufeinander abgestimmt werden.

Im Schach entscheidet keine einzelne Figur über den Ausgang des Spiels. Der Sieg hängt davon ab, die Rolle jeder Figur zu verstehen und zu wissen, wann das Brett stabilisiert werden muss, wann man Komplexität aufnehmen kann, wann Experimente sinnvoll sind und wann eine grundlegende Veränderung nötig ist. Gleichzeitig müssen die Bedingungen geschützt werden, die das Spiel überhaupt ermöglichen. Unternehmen stehen vor einer erstaunlich ähnlichen Herausforderung, wenn sie den Stellenwert von Funktionen steuern.

Warum die Funktionsbewertung entscheidend geworden ist

Im Kern zielt die Funktionsbewertung darauf ab, den relativen Wert von Funktionen anhand ihres Inhalts, ihrer Verantwortlichkeiten und ihres Beitrags zum Unternehmen zu bestimmen. Ihre formalen Ziele – interne Gerechtigkeit, kohärente Vergütungsstrukturen und Angleichung an die Arbeitsmärkte – sind allgemein etabliert. Was oft unterschätzt wird, ist der direkte Zusammenhang zwischen der Funktionsbewertung und der Unternehmensleistung.

Jahrzehntelange Forschung in der Organisationspsychologie, insbesondere die Theorie zum Gleichheitsprinzip der Gerechtigkeit, zeigt, dass die Leistung stark von der Wahrnehmung von Fairness beeinflusst wird. Menschen bewerten kontinuierlich das Verhältnis zwischen ihrem Beitrag und dem, was sie, im Vergleich zu anderen, erhalten. Wenn Ungerechtigkeiten wahrgenommen werden, sinkt die Motivation, das Vertrauen schwindet und die kollektive Leistung verschlechtert sich.

Aktuelle Untersuchungen von PwC zur Psychologie von Anreizen (2024) bestätigen diese Erkenntnis: Wahrgenommene Fairness ist ein stärkerer und nachhaltigerer Treiber von Engagement als finanzielle Anreize allein. Wenn Mitarbeitende verstehen, warum Funktionen unterschiedlich bewertet werden, und wenn sie das System als kohärent und transparent empfinden, nimmt die Frustration ab und die kollektive Leistungsbereitschaft zu.

Aus dieser Perspektive ist die Funktionsbewertung keine administrative Nebenbedingung. Sie ist eine grundlegende Voraussetzung für hohe Leistung im Unternehmen. Struktur und Klarheit hemmen Leistung nicht – sie ermöglichen sie. Dies gilt für öffentliche Einrichtungen ebenso wie für private Unternehmen.

Diese Dynamik wird durch einen strukturellen Wandel hin zu mehr Transparenz weiter verstärkt. Was früher eine „Black Box” der Personalabteilung war, steht heute im Fokus von Mitarbeitenden, Sozialpartnern, Regulatoren und der Öffentlichkeit. Unternehmen werden nicht nur an den Lohnresultaten gemessen, sondern auch zunehmend an der dahinterliegenden Logik. In diesem Umfeld kann die Funktionsbewertung nicht mehr allein der Personalabteilung delegiert werden. Sie ist zu einer Frage der Governance und damit der Führung geworden.

Von statischen Rahmenwerken zu strategischen Zügen

Die zentrale Herausforderung für Unternehmen besteht heute nicht darin, dass geeignete Methoden zur Funktionsbewertung fehlen. Es fehlt vielmehr eine gemeinsame Logik dafür, wie Bewertungsentscheide getroffen, angepasst und über die Zeit hinweg begründet werden.

Funktionen verändern sich laufend. Neue Rollen entstehen, Verantwortlichkeiten verschieben sich, lokale Anpassungen summieren sich. Trotzdem wird die Funktionsbewertung oft noch als punktuelle Übung verstanden, statt als System, das kontinuierlich geführt und gepflegt werden muss.

Die Schach‑Analogie liefert dafür eine hilfreiche Denkweise. Nicht als blosse Metapher für Komplexität, sondern als Grammatik unternehmerischer Entscheidungen. Im Schach hat jede Figur ihre Aufgabe: Einige schaffen Struktur, andere absorbieren Komplexität, wieder andere schaffen Raum für Erkundung und Neues. Eine Figur schützt die Kontinuität des Spiels selbst. Genau so funktioniert auch die Funktionsbewertung.

Im Schach sichern die Türme die Hauptachsen des Bretts. Ohne sie fehlt die notwendige Struktur.

In der Funktionsbewertung entspricht dies der Strukturierung und Stabilisierung des Bewertungsrahmens: Definition einer klaren Stellenarchitektur, Standardisierung von Bewertungsprozessen und der Etablierung einer klaren Governance über Bewertungsentscheide. Diese Schritte sind selten sichtbar – und dennoch entscheidend. Ohne sie entstehen unterschiedliche Bewertungsergebnisse in verschiedenen Bereichen, Führungskräfte können Entscheide kaum begründen, und die Glaubwürdigkeit des Systems sinkt.

Viele Unternehmen versuchen, Vergütungssysteme zu modernisieren oder neue Rollen zu integrieren, ohne zuvor das Fundament zu sichern. Das Ergebnis ist vorhersehbar: wahrgenommene Willkür, Widerstand und Vertrauensverlust. Bevor experimentiert oder verändert wird, müssen Führungskräfte sicherstellen, dass das strukturelle Rückgrat der Funktionsbewertung solide ist.

Da Organisationen zunehmend matrixorientiert und projektbasiert arbeiten, passen nicht alle Funktionen nahtlos in vordefinierte Strukturen. Funktionsübergreifende, hybride und sich entwickelnde Rollen stellen traditionelle Funktionsfamilien vor Herausforderungen.

Im Schach erfoldern solche Situationen Läuferzüge – gezielte Interventionen, die Komplexität addressieren, ohne das gesamste System zu destabilisieren. Es geht nicht darum, atypische Rollen in ungeeignete Kategorien zu zwängen oder Ausnahmen zu vervielfachen, sondern sie mit genügend Differenzierung zu bewerten und gleichzeitig Gesamtkohärenz zu wahren.

Hier kommt es entscheidend auf das Urteilsvermögen der Führungskräfte an. Systeme scheitern entweder durch zu grosse Starrheit oder durch unkontrollierte Ausnahmen. Um Gerechtigkeit langfrisitg zu sichern, muss man in der Lage sein, Komplexität zu integrieren, ohne die Vergleichbarkeit zu verlieren.

Einige Funktionen sind nicht nur komplex – sie entstehen tatsächlich erst. Funktionen im Bereich Innovation, digitaler Transformation oder künstlicher Intelligenz entwickeln sich oft schneller, als Bewertungsrahmen Schritt halten können.

Im Schach erkunden Springer Unsicherheiten. Sie bewegen sich in Sprüngen und testen Möglichkeiten, ohne die gesamte Position zu riskieren.

In der Funktionsbewertung entspricht dies kontrollierten Experiementen: Bewertungshypothesen werden getestet, ohne das Unternehmen an voreilige Klassifizierungen zu brinden. Das Risiko liegt nicht im Experimentieren selbst, sondern darin, nicht zu definieren, wann und wie explorative Rollen später stabilisiert werden. Unbegrenztes Experimentieren kann jedoch schnell als unfair oder willkürlich wahrgenommen werden.

Selbst das robusteste Bewertungssystem liefert geringen Wert, wenn es nicht mit den täglichen Entscheidungen verbunden ist. Im Schach rücken die Bauern zwar langsam vor, aber sie prägen das Spiel, indem Schritt für Schritt Raum gewinnen.

In Unternehmen kann die Funktionsbewertung ihre Wirkung nur dann entfalten, wenn sie in Gehaltsentscheidungen, Entwicklungspfade, Personalplanung und Organisationsgestaltung integriert ist. Dies erfordert, die Bewertungslogik in Systeme zu übersetzen, die oft ihre eigene Sprache und eigene Begrenzungen haben. In grossen Unternehmen bedeutet dies zudem, zentrale Zusammenhänge mit lokalen Realitäten in Einklang zu bringen

Dies ist nicht nur eine technische Herausforderung. Es ist eine Herausforderung für die Führungskräfte – sie müssen sicherstellen, dass die Funktionsbewertung zu einem gemeinsamen Referenzpunkt für Entscheidungen und nicht nur ein theoretisches Artefakt wird.

Es gibt Momente, in denen schrittweise Anpassungen nicht mehr ausreichen. Stellenarchitekturen entwickeln sich auseinander, kleine Unstimmigkeiten häufen sich und das System bildet die Realität des Unternehmens nicht mehr ab.

Im Schach ist das der Moment, in dem die Dame ins Spiel kommt.

Gross angelegte Neukalibrierungen des Funktionswerts werden zunehmend durch künstliche Intelligenz und fortgeschrittene Datenanalysen ermöglicht. KI erlaubt es Unternehmen, Tausende von Stellenbeschreibungen zu analysieren, strukturelle Inkonsistenzen zu erkennen, bereichsübergreifende Muster zu identifizieren und Transformationsszenarien in einer Tiefe und Geschwindigkeit zu simulieren, die traditionelle Ansätze nicht leisten können.

Richtig eingesetzt ermöglichen diese Fähigkeiten Führungskräften den Wechsel von fragmentierten Korrekturen hin zu einer systemischer Transformation. Falsch eingesetzt besteht das Risiko, Inkonsistenzen zu verstärken. Die Dame ist mächtig – aber nur auf einem gut strukturierten Brett.

Im Schach ist der König nicht die mächtigste Figur, aber diejenige, deren Verlust das Spiel beendet.

Bei der Funktionsbewertung spielt die interne Gerechtigkeit die gleiche Rolle. Sie ist kein Hebel für Transformation, sondern eine Voraussetzung für Legitimität. Sobald Funktionen mit vergleichbarem Wert unterschiedlich behandelt werden, erodiert das Vertrauen – unabhängig davon, wie ausgefeilt der Bewertungsrahmen erscheint.

Gerechtigkeit treibt die anderen Züge nicht voran. Sie macht sie möglich.

Das Spiel auf lange Sicht spielen

Funktionsbewertung wird oft unter Druck erneut aufgegriffen: wegen regulatorischer Prüfungen, sozialer Konflikte oder Lohnstreitigkeiten. Führungskräfte, die sie auf diese Weise angehen, übersehen ihr strategisches Potenzial.

Anders betrachtet ist die Funktionsbewertung eines der wenigen Instrumente, mit denen Unternehmen Struktur in Fairness übersetzen können – und Fairness in kollektive Leistungsfähigkeit. Dies erfordert Koordination: zu wissen, wann stabilisiert werden muss, wann Anpassungen nötig sind, wann experimentiert werden kann und wann eine Transformation im grossen Stil angebracht ist – ohne je die Fairness als Bedingung für Kontinuität aus den Augen zu verlieren.

In der Zeit wachsender Transparenz und steigender Erwartungen ist die Führungsverantwortung für die Funktionsbewertung nicht mehr optional. Unternehmen, die sie als dynamisches System behandeln – und nicht als statische Klassifikation – stärken ihre Glaubwürdigkeit, festigen Vertrauen und steigern ihre Leistungsfähigkeit über die Zeit.

In diesem Sinne geht es bei der Funktionsbewertung nicht darum, einen einzelnen Zug zu gewinnen. Es geht darum, eine kohärente Strategie aufrechtzuerhalten, die sowohl der Fairness als auch der Leistungsfähigkeit des Unternehmens dient.

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