Analyse der Bundesbeschaffungen

So gibt der Bund Geld aus

Öffentliche Beschaffung #1
  • Insight
  • 10 minute read
  • 16/10/25
Jen Frei

Jen Frei

Director, Public Sector Strategy & Transformation, PwC Switzerland

Marianna De Stefano

Marianna De Stefano

Consultant, Public Sector Strategy & Transformation, PwC Switzerland

Seit 2021 veröffentlicht der Bund jährlich alle Beschaffungen über 50’000 Franken. Gemäss Artikel 27 der Verordnung über das öffentliche Beschaffungswesen (VöB) müssen dabei verschiedene Informationen bekannt gegeben werden, wie beispielsweise der Zuschlagsempfänger, der Auftragswert und das Beschaffungsverfahren.

Die Veröffentlichung der Vergaben des Bundes ermöglicht interessante Einblicke in das Ausgabenverhalten der Bundesverwaltung. In einer mehrteiligen Blogserie werden wir dieses Ausgabeverhalten aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. In diesem ersten Blogbeitrag konzentrieren wir uns auf die Ausgaben und die angewandten Beschaffungsverfahren der sieben Departemente über die Jahre 2021 bis 2023. Die Informationen zu den Datengrundlagen sind am Ende des Blogbeitrags erläutert.

Eventreihe

Beschaffung im öffentlichen Sektor

Trotz gesunkener Gesamtausgaben des Bundes sind die Bundesbeschaffungen von 2021 bis 2023 leicht gestiegen.

Die Gesamtausgaben des Bundes sind von 88,3 Milliarden Franken im Jahr 2021 auf 81,0 Milliarden Franken im Jahr 2023 gesunken. Entgegen dieser Entwicklung sind die Beschaffungen des Bundes leicht gestiegen. So hat sich das Gesamtbeschaffungsvolumen im Jahr 2021 von rund 5,7 Milliarden Franken und auf etwa 6,0 Milliarden Franken im Jahr 2023 erhöht (Ausnahme 2022: 6,9 Milliarden Franken). Von 2021 bis 2023 haben fünf Departemente ihre Ausgaben erhöht (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Beschaffungen in Volumen nach Departementen im Jahresvergleich (Volumen in Franken)

Die hohen Ausgaben des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) stiegen im Jahr 2022 vor allem durch Zahlungen aus dem Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds (NAF) an die Arbeitsgemeinschaft Gotthard (ARGE) für den Bau der zweiten Gotthardröhre.

Das höchste relative Wachstum (+58%) verzeichnet das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD), was insbesondere auf die IT-Ausgaben im Jahr 2023 beim Staatssekretariat für Migration (SEM), beim Bundesamt für Polizei (fedpol) sowie beim Informatik Service Center des EJPD (ISC-EJPD) zurückzuführen ist. Auch das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) mit +16%, das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) mit +38% und das Eidgenössische Departement des Inneren (EDI) mit +8% verzeichnen einen Anstieg der Ausgaben. Ausnahmen sind das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) mit +2% sowie das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), bei denen die Ausgaben über die drei Jahre hinweg nahezu stagnieren. Zu beachten: Aussergewöhnlichen Ausgaben des VBS im Jahr 2022 ausgenommen (siehe dazu die Informationen zu den Datengrundlagen am Ende des Blogbeitrags).

Freihändige und offene Vergabeverfahren verzeichnen das stärkste Wachstum

Im Jahr 2023 wurden  rund 12% mehr Vergaben als im Jahr 2021 durchgeführt, insbesondere in freihändigen und offenen Verfahren. Die Anzahl freihändiger Verfahren stieg um knapp 14%, die offenen Verfahren um gut 13%.

Abbildung 2: Gesamtübersicht Vergabeverfahren 2021-2023 (in Anzahl)

 

Die Verteilung der Vergabeverfahren wirft die Frage auf, welche Auswirkung sie auf das Beschaffungsvolumen haben. Unter- und überschwellige freihändige Vergaben betreffen meist niedrigere Beschaffungsvolumina (Median 2023: 96'034 Franken) als offene Verfahren (Median 2023: 246'298 Franken). Trotzdem summieren sie sich über die drei Jahre zu über 5,0 Milliarden Franken auf. Das entspricht etwa der Hälfte des Volumens der offenen Verfahren, die von 2021 bis 2023 ein Total von rund 10,6 Milliarden Franken aufweisen. Beispielsweise haben das EDA und das EFD ihre beiden höchsten Vergaben freihändig durchgeführt, während das EDI und das VBS jeweils ihre höchste Vergabe freihändig vergeben haben.

Die Anzahl der Lieferanten ist mit Ausnahme des EDI bei allen Departementen gestiegen. Insbesondere beim EFD, EJPD und VBS hat sie von 2021 bis 2023 um über 10% zugenommen – ein Trend, der auf einen wachsenden Bedarf an spezialisiertem Know-how, eine stärkere Diversifikation von Lieferanten oder auf die zunehmende Attraktivität des Bundes als Auftraggeber hinweisen könnte.

Die Zunahme an freihändigen Vergaben weist auf einen erhöhten Flexibilitätsbedarf der Bundesverwaltung hin. Gleichzeitig entstehen dadurch auch Fragestellungen bezüglich der Beschaffungstransparenz.

Jen Frei, Director, Strategie- und Transformationsberatung, öffentlicher Sektor, PwC Schweiz

Offene Verfahren machen in den meisten Departementen den grössten Teil des Beschaffungsvolumens aus.

Auch bei der Betrachtung des Anteils der Beschaffungsverfahren pro Departement zeigen sich signifikante Unterschiede. Das EJPD ist das einzige Departement, in dem die Anzahl der offenen Verfahren die der freihändigen Verfahren übertrifft. Beim Volumen dominiert wenig überraschend das offene Verfahren. Nur beim EDA und VBS ist das Gesamtvolumen bei freihändigen Vergaben am höchsten (vgl. Abbildungen 3 und 4).

Abbildung 3: Vergabeverfahren pro Departement von 2021-2023 (Anzahl)

 



Abbildung 4: Vergabeverfahren pro Department von 2021-2023 (Verteilung nach Volumen in Franken)

 

Die unterschiedliche Verteilung in Bezug auf Anzahl und Volumina zeigt deutlich auf, dass jedes Departement seine Herausforderungen mit einer eigenen Beschaffungsstrategie bewältigen kann und muss. Eine generelle Aussage über die gesamte Bundesverwaltung bezüglich der Beschaffungsverfahren wird den einzelnen Anforderungen daher nicht gerecht. Die höheren Ausgaben sind jedoch ein klarer Hinweis auf die laufend steigenden Anforderungen an die Bundesverwaltung, signifikante Infrastrukturprojekte sowie den volkswirtschaftlichen und geopolitschen Entwicklungen.

Ausblick

In unserem nächsten Blogbeitrag widmen wir uns den einzelnen Verwaltungseinheiten und stellen ihr Ausgabeverhalten in Relation. Zudem gehen wir in der Fortsetzung dieser Blogserie detaillierter auf die einzelnen Beschaffungsverfahren ein.

Mit der sich laufend steigenden Anzahl an Beschaffungen nehmen auch die Herausforderungen für Bedarfsträger und Beschaffungsstellen zu. Diese werden im Rahmen unserer kostenlosen Veranstaltungsreihe «Impulse für die Praxis: Public Procurement Breakfasts» in Bern mit verschiedenen Akteuren aus dem öffentlichen Beschaffungswesen beleuchtet. Hier können Sie sich anmelden.

Unsere Eventserie

Erfahren Sie hier mehr zu unserer Eventserie, über die einzelnen Themen und Referierenden und melden Sie sich an, um konkrete Fragestellungen und Lösungsansätze aus der Praxis zu besprechen. 

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Erläuterungen zu den Datengrundlagen

  • Die Daten beziehen sich auf die Jahre 2021 bis 2023. Informationen für das Jahr 2024 wurden soeben veröffentlicht und in Kürze analysiert.
  • Die Daten gelten für die zentrale Bundesverwaltung. Behörden und Gerichte (z.B. Bundesanwaltschaft) oder Organisationen der dezentralen Bundesverwaltung sind nur teilweise enthalten.
  • Die Zahlen enthalten neben den sieben Departementen auch Ausgaben der Parlamentsdienste, des Bundesrates sowie der Bundeskanzlei. Diese Ausgaben machen mit 0,4 % der Beschaffungsausgaben 2021-2023 von über 25 Milliarden Franken nur einen geringen Teil der Gesamtausgaben aus.
  • Um die Vergleichbarkeit der Jahre 2021, 2022 und 2023 sicherzustellen, haben wir die Ausgaben für die Kampfflugzeuge F-35A und das Luftverteidigungssystem Patriot als grösste Beschaffungen des VBS im Jahr 2022 in der Höhe von rund 7 Milliarden Franken herausgerechnet.
  • Die Ausgaben sind jeweils mit Mehrwertsteuer ausgewiesen.
  • Die Zahlen weichen von den auf der Beschaffungsplattform der öffentlichen Hand (www.simap.ch) veröffentlichten Zahlen ab. Die simap-Analysen basieren lediglich auf Informationen aus den Zuschlägen. Die Zuschläge enthalten jedoch theoretische Volumina (Beispiel Rahmenverträge), aber nicht immer konkrete Beschaffungen.

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