Wie Whistleblowing Unternehmen stärkt

Vom Schweigen zum Sagen:

Birgit  Gallus

Birgit Gallus

Director, Risk Consulting, PwC Switzerland

Madeleine Rebsamen

Madeleine Rebsamen

Manager, Risk & Regulatory, PwC Switzerland

Whistleblowing gewinnt weltweit an Bedeutung – nicht nur als Instrument zur Aufdeckung von Fehlverhalten, sondern auch als strategischer Eckpfeiler für Compliance und Unternehmensethik. Rekordbelohnungen, wie sie das SEC-Whistleblower-Programm im Jahr 2024 verzeichnete, und neue gesetzliche Anforderungen, wie der britische Economic Crime and Corporate Transparency Act, unterstreichen diesen Trend und erhöhen den Druck auf Unternehmen, effektive Whistleblowing-Systeme zu implementieren. Gleichzeitig zeigt sich, dass in der Schweiz die Bereitschaft, Fehlverhalten zu melden, vergleichsweise gering ist, was Unternehmen erheblichen Risiken aussetzt.

“Was mich nicht schlafen lässt in der Nacht sind nicht die Risiken, die ich kenne. Was mich nicht schlafen lässt ist das, wovon ich nichts weiss.”

Head Compliance eines weltweiten Industrieunternehmens mit Hauptsitz in der Schweiz

Whistleblower im Fokus: Rekordbelohnungen und steigender Druck auf Unternehmen

Laut dem PwC Global Economic Crime Survey 2024[1] sehen 41 % der Befragten eine Verschärfung von Anti-Korruptionsgesetzen und deren Durchsetzung in ihren Tätigkeitsländern. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Auszeichnung von Strafverfolgungsbehörden: Die Bundesanwaltschaft (BA) erhielt 2024 den Award des Global Investigation Review (GIR) als «Strafverfolgungsbehörde des Jahres»[2]. Grund dafür waren erfolgreiche Verfahren gegen Schweizer Unternehmen im Bereich internationale Korruption, Bestechung und Geldwäscherei, mit Bussen und Ersatzforderungen von über 100 Millionen Schweizer Franken bei entsprechenden Rechtsverstössen.

Die zunehmende Bedeutung von Whistleblowing-Programmen und regulatorischen Vorgaben weltweit unterstreicht den wachsenden Druck auf Unternehmen, Transparenz und Präventionsmassnahmen zu stärken, um Wirtschaftskriminalität effektiv zu bekämpfen, wie folgende Beispiele anschaulich zeigen:

SEC-Whistleblower-Programm

Im Jahr 2024 zahlte das SEC-Whistleblower-Programm[3] Rekordbelohnungen von über 255 Millionen US-Dollar an 47 Einzelpersonen aus[4]. Diese hohen Summen schaffen einen starken Anreiz, Fehlverhalten zu melden, und fördern die Bereitschaft, Verstösse gegen US-Wertpapiergesetze offenzulegen. Mit Meldungen aus Ländern wie Kanada, dem Vereinigten Königreich, Indien, Australien und Deutschland zeigt das Programm seine globale Reichweite und Bedeutung für die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität. Auch Schweizerinnen und Schweizer können melden.

DoJ Corporate Whistleblower Awards Pilot Program

Am 1. August 2024 führte das DoJ ein Pilotprogramm ein, um Whistleblower für die Bereitstellung wahrheitsgemässer Informationen über Unternehmensvergehen finanziell zu belohnen[5]. Dieses Programm ergänzt die Bemühungen der SEC und stärkt die Rolle von Whistleblowing bei der Aufdeckung und Verfolgung von Wirtschaftskriminalität.

EU-Whistleblower-Richtlinie

Seit dem 16. Dezember 2019 sind Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeitenden verpflichtet, sichere und effiziente Meldekanäle für Whistleblower bereitzustellen[6]. Diese Kanäle können intern oder durch unabhängige Drittparteien betrieben werden, wobei der Schutz vor Vergeltungsmassnahmen für Whistleblower zentral ist. Schweizer Unternehmen mit Niederlassungen in der EU müssen entsprechende Massnahmen umsetzen, um den Anforderungen der Richtlinie gerecht zu werden.

'Failure to prevent fraud' im Vereinigten Königreich

Ab dem 1. September 2025 können Schweizer Unternehmen mit Verbindungen zu UK strafrechtlich haftbar gemacht werden, wenn sie keine angemessenen Massnahmen zur Betrugsprävention ergreifen[7]. Diese Regelung basiert auf dem britischen «Economic Crime and Corporate Transparency Act 2023», welcher Whistleblowing als zentrales Element der Prävention hervorhebt. Je nach Geschäftsvolumen können Schweizer Unternehmen auch unter dieses Gesetz fallen – unabhängig vom Standort des Hauptsitzes oder der Tochtergesellschaften.

Made in Switzerland: Keep quiet and carry on

Die Meldekultur in der Schweiz gilt als zurückhaltend, wie eine Studie des Institute of Business Ethics aus dem Jahr 2021 zeigt. Laut der Untersuchung «Ethics at Work: 2021 International Survey of Employees»[8] würden lediglich 41 % der Mitarbeitenden, die Betrug oder Fehlverhalten beobachtet haben, diesen auch melden. Da kulturelle Veränderungen in der Regel nur langsam voranschreiten, ist davon auszugehen, dass auch im Jahr 2025 viele Fälle von Betrug und Fehlverhalten in der Schweiz unentdeckt bleiben.

Im Gegensatz zur EU und den USA fehlt in der Schweiz weiterhin eine klare gesetzliche Regelung zum Schutz von Whistleblowern. Ein überarbeiteter Gesetzesvorschlag des Bundesrats wurde 2020 nach über zehn Jahren Diskussion vom Parlament abgelehnt, vor allem wegen des fehlenden Kündigungsschutzes und der als zu komplex empfundenen Regelung[9]. Der Nationalrat stimmte 2024 zum letzten Mal gegen eine neue Whistleblower-Vorlage[10].

Abgesehen von Art. 22a des Bundespersonalgesetzes[11] und kantonalen Personalverordnungen gibt es in der Schweiz keinen umfassenden Schutz für Whistleblower. Die OECD hat deswegen die Schweiz aufgefordert, dringend Reformen umzusetzen, um Whistleblower im Privatsektor besser zu schützen und die Strafen für Unternehmen bei Bestechung ausländischer Amtsträger zu verschärfen[12].

Gefährlich still im Unternehmen?

Pro 1’000 Mitarbeitende sind laut einer Faustregel jährlich drei bis fünf Whistleblowing-Meldungen zu erwarten. Bleiben solche Meldungen aus, sollten Unternehmen kritisch hinterfragen, ob ihre Mitarbeitenden sich sicher genug fühlen, Fehlverhalten zu melden. Denn nicht gemeldete Vorfälle können gravierende Konsequenzen nach sich ziehen: Risiken bleiben unentdeckt, notwendige Gegenmassnahmen werden nicht eingeleitet, und Schwächen in der Governance bleiben bestehen.

Unternehmen, die verhindern möchten, dass Whistleblower sich an die Öffentlichkeit oder externe Stellen wenden, sollten frühzeitig und proaktiv handeln. Nur so können Mitarbeitende ermutigt werden, Fehlverhalten direkt innerhalb des Unternehmens zu melden. Dies ist entscheidend, damit Missstände frühzeitig erkannt und behoben werden können – und Unternehmen handlungsfähig bleiben und ihre Reputation schützen können.

Mehr als nur eine E-Mail-Adresse: Whistleblowing als gemeinsames Engagement

Die Einführung einer Whistleblowing-Hotline umfasst weit mehr als das Einrichten einer E-Mail-Adresse und das Verfassen einer Richtlinie. Sie setzt den Aufbau solider Governance-Strukturen, die Entwicklung klar definierter Prozesse und die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen voraus. Ebenso entscheidend ist eine gezielte und transparente Kommunikation, damit Mitarbeitende die Massnahme als Bekenntnis zu Transparenz und Integrität wahrnehmen – und nicht als Ausdruck von Misstrauen oder Reaktion auf einen konkreten Vorfall.

Aus unserer Erfahrung und basierend auf bewährten Praktiken lassen sich dabei sieben zentrale Erfolgsfaktoren ableiten:

  • Tone from the Top: Die Unternehmensleitung muss eine klare Haltung einnehmen und aktiv eine Kultur der Offenheit und Integrität fördern, um das Vertrauen der Mitarbeitenden zu stärken.
  • Unternehmenskultur und Kommunikation: Eine positive Unternehmenskultur, geprägt durch regelmässige Kommunikation und gezielte Trainings, schafft ein Umfeld, in dem Mitarbeitende sich sicher fühlen, Fehlverhalten zu melden.
  • Sichere und zugängliche Meldekanäle: Es braucht vertrauliche und niederschwellige, leicht zugängliche Meldekanäle, die unabhängig von der Organisationshierarchie betrieben werden.
  • Schutz und Unterstützung für Whistleblower: Massnahmen zum Schutz der Identität des Whistleblowers und zur Vermeidung von Repressalien sind essenziell.
  • Wirksame Reaktionsmechanismen: Eine verlässliche Triage sowie professionelle Untersuchungen durch ein qualifiziertes Team sind entscheidend. Dabei müssen sowohl der Whistleblower als auch die beschuldigte Partei fair behandelt werden.
  • Feedback und Abschluss: Die gewonnenen Erkenntnisse sollen systematisch genutzt werden, um organisatorisches Lernen zu fördern und kontinuierliche Verbesserungen in den Prozessen und Strukturen zu ermöglichen.
  • Enge Zusammenarbeit mit HR: Die Personalabteilung sollte eng eingebunden sein, insbesondere bei der Unterstützung von Betroffenen und der Umsetzung von Massnahmen.

Wie Whistleblowing Unternehmen stärkt

Ein effektives Whistleblowing-Management basiert auf einer Kombination aus technischer Infrastruktur als Enabler, klaren Prozessen und einer unterstützenden Unternehmenskultur. Diese Kernelemente helfen Unternehmen, Fehlverhalten frühzeitig zu erkennen, angemessen darauf zu reagieren, Schäden zu minimieren und langfristig eine Kultur der Integrität zu fördern. Ein effektives Whistleblowing-Management schützt zudem vor grenzüberschreitender Strafverfolgung für Schweizer Unternehmen mit internationaler Geschäftstätigkeit und fördert Compliance und Transparenz.

Ein gut implementiertes Whistleblowing-System bietet Unternehmen neben Schutz vor Betrug und Fehlverhalten, auch wertvolle Einblicke in weitere kritische Bereiche wie Sustainability- und Cyber-Risiken oder Verstösse gegen interne Richtlinien. Es stärkt die Compliance, minimiert Risiken und erhöht die Resilienz in einer zunehmend regulierten Geschäftswelt.

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