Analyse der Bundesbeschaffungen

So geben die Verwaltungseinheiten Geld aus

Öffentliche Beschaffung #2
  • Insight
  • 10 minute read
  • 08/01/26
Jen Frei

Jen Frei

Director, Public Sector Strategy & Transformation, PwC Switzerland

Marianna De Stefano

Marianna De Stefano

Consultant, Public Sector Strategy & Transformation, PwC Switzerland

In unserem ersten Blogbeitrag  haben wir die Beschaffungsausgaben der sieben Departemente des Bundes sowie die dabei angewandten Beschaffungsverfahren analysiert. In diesem zweiten Artikel widmen wir uns den Verwaltungseinheiten der zentralen Bundesverwaltung und verschieben unseren Fokus damit eine Ebene tiefer. Unsere Analyse zeigt, dass sich die über 60 Verwaltungseinheiten deutlich in ihrem Ausgabenverhalten unterscheiden.

Eventreihe

Beschaffung im öffentlichen Sektor

Verteilung der Verwaltungsausgaben

Eine detaillierte Betrachtung der Beschaffungsausgaben der Verwaltungseinheiten über die Jahre 2021 bis 2023 zeigt eine Konzentration der Mittel. Die beiden Akteure mit den höchsten Beschaffungsvolumina verantworten zusammen rund 11,6 Milliarden Franken des Gesamtbeschaffungsvolumens von rund 18,6 Milliarden Franken. Dies entspricht über 60 % der Beschaffungsausgaben des Bundes.

Mit rund 6,8 Milliarden Franken entfallen die höchsten Ausgaben auf den NAF. *

Die zweitgrösste Einheit ist die Gruppe Verteidigung (Gruppe V) mit einem Beschaffungsvolumen von etwa 4,8 Milliarden Franken. Es folgen weiter die armasuisse Immobilien (ar Immo) mit über 1,34 Milliarden Franken, das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) mit 1,3 Milliarden Franken sowie das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) mit 1,06 Milliarden Franken. Zusammen entsprechen diese Top-Positionen über 80 % des Beschaffungsvolumen der Bundesverwaltung (siehe Abbildung 1 und 2). Einige dieser Einheiten tragen grosse Infrastruktur- und Querschnittsaufgaben, was die hohen Volumina erklärt.

Abbildung 1: Übersicht der Top 10 Ausgeber über die Jahre 2021 bis 2023
Abbildung 2: Übersicht der Top 5 Ausgeber in Relation zum Gesamtbudget in %

Die übrigen rund 17,6 % der Beschaffungsausgaben verteilen sich auf zahlreiche weitere Verwaltungseinheiten mit einzelnen, deutlich geringeren Beschaffungsvolumen. So bewegt sich über die Hälfte der Verwaltungseinheiten im Zeitraum 2021 bis 2023 bei Ausgaben unter 50 Millionen Franken (siehe Abbildung  3).

Beispiele: Die drei Verwaltungseinheiten Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST), das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) und das Schweizerische Institut für Rechtsvergleichung (SIR) mit dem geringsten Beschaffungsvolumen weisen für die Jahre 2021 bis 2023 jeweils Beschaffungen von unter einer Million Franken aus.

Die breite Streuung des Ausgabenvolumens spiegelt die unterschiedlichen Aufgaben und Bedürfnisse innerhalb der Bundesverwaltung wider und zeigt, dass das Gesamtvolumen von wenigen grösseren Verwaltungseinheiten geprägt wird.

Abbildung 3: Verteilung der Gesamtausgaben von 2021 bis 2023

Wachstum der Verwaltungsbeschaffungen

Auch das absolute Wachstum der Beschaffungsausgaben der zehn Verwaltungseinheiten mit den höchsten Ausgaben über die Jahre 2021 bis 2023 unterscheidet sich stark (siehe Abbildung 4). Sowohl beim NAF wie auch der Gruppe V stagnieren die Ausgaben. Bei den meisten anderen Verwaltungseinheiten mit den grössten Beschaffungsvolumina verzeichnen wir hingegen ein Ausgabenwachstum – mit Ausnahme der ar Immo und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG). 

Abbildung 4: Veränderung im Beschaffungsvolumen über die Jahre 2021 bis 2023
Verwaltungseinheiten – Top 10 „Ausgeber“

Die Zunahmen lassen sich bei genauerer Analyse gut erklären: So verzeichnet beispielsweise das Bundesamt für Energie (BFE) eine Steigerung von rund 231 %. Ein grosser Teil davon erklärt sich durch das Programm EnergieSchweiz (ECH), das für 2023 bis 2026 Medienagentur-Leistungen öffentlich ausgeschrieben und vergeben hat. Das Informatik Service Center des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (ISC-EJPD) weist eine Steigerung von rund 78 % auf. Dieses Wachstum lässt sich auf Beschaffungen von Informatikdienstleistungen zurückführen.

Die Verwaltungseinheiten müssen flexibel auf äussere Einflüsse reagieren können, um das Erfolgsmodell der Schweiz zu verwalten, zu steuern und zu entwickeln. Dies kann zu volatilen Beschaffungsausgaben führen. Zentraler Treiber der Schwankungen sind jedoch Investitionszyklen der Infrastrukturen und Systeme.

Marianna De Stefano, Transformationsberatung im öffentlichen Sektor, PwC Schweiz

Verwaltungseinheiten mit dem stärksten Wachstum

Die Anforderungen an die Bundesverwaltung steigen kontinuierlich durch wachsende Leistungsmengen und komplexer werdende Aufgaben. Krisen wie die Covid-19-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine treiben die Ausgaben zusätzlich. Einige Verwaltungseinheiten verzeichnen im Zeitraum 2021 bis 2023 eine besonders starke Steigerung (siehe Abbildung 5). 

Abbildung 5: Verwaltungseinheiten mit der höchsten Wachstumsrate von 2021 bis 2023
Verwaltungseinheiten – Top 10 Wachstum (Kumulierte Veränderung)

Mit über 1’185 % Wachstum liegt das SIF an der Spitze – massgeblich geprägt durch freihändige Beschaffungen von Beratungsleistungen und Rechtsgutachten. Es ist jedoch zu beachten, dass die absoluten Ausgaben in der Höhe von 643'000 Franken im Verhältnis zu den Gesamtausgaben der Verwaltung nicht wesentlich sind.

An zweiter Stelle steht die Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV) mit einem Wachstum von fast 617 %. Grund dafür ist unter anderem eine dringliche Beratung im Umfang von 8,7 Millionen Franken, welche die schnelle Umsetzung einer Garantie zur Verlustabsicherung im Rahmen einer Bankenfusion unterstützte.

Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) folgt mit einem Wachstum von rund 595 %. Dies ist unter anderem auf eine freihändige Beschaffung von knapp 2,4 Millionen Franken zur Lagerung von Ethanol zurückzuführen. Weiter wurde aufgrund des Krieges in der Ukraine ein Gas-Monitoring Tool beschafft, um eine mögliche Gasmangellage infolge der reduzierten Gaslieferungen aus Russland frühzeitig zu erkennen und zu bewältigen.

Diese Beispiele bestätigen, dass Verwaltungseinheiten flexibel auf Umwelteinflüsse reagieren müssen, die nicht immer planbar sind, aber unmittelbaren Einfluss auf die Staatsausgaben haben.  

Abbildung 6: Wachstumsverteilung von 2021 bis 2023

Im Jahr 2023 senkten nahezu die Hälfte der Verwaltungseinheiten ihre Ausgaben im Vergleich zum Jahr 2021. Dieses differenzierte Bild unterstreicht, dass gestiegene Anforderungen und Krisensituationen zwar die Ausgaben treiben können, diese jedoch ebenso von individuellen Rahmenbedingungen, spezifischen Aufgaben und strategischen Prioritäten beeinflusst werden: Krisen treffen Verwaltungseinheiten unterschiedlich. Die Beschaffungsausgaben spiegeln die vielfältigen Entwicklungen innerhalb der Bundesverwaltung wider und verdeutlichen, wie unterschiedliche Faktoren zu sehr unterschiedlichen Ausgabenverhalten führen können.

Ausblick

In unserem nächsten Blogbeitrag werden wir die einzelnen Beschaffungsverfahren näher beleuchten. Auch hier zeigen sich wesentliche Unterschiede zwischen den Verwaltungseinheiten. Wie wird das freihändige Verfahren eingesetzt? Welche Verwaltungseinheit schreibt am häufigsten öffentlich aus?

Um den Austausch zwischen den verschiedenen Akteuren im Beschaffungswesen zu fördern, finden in den kommenden Monaten in Bern informelle und kostenlose Beschaffungsevents statt. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

 

*Hinweis: Der Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds (NAF) ist keine Verwaltungseinheit, sondern ein Fonds. Dieser wird durch das Bundesamt für Strassen (ASTRA) verwaltet. Aufgrund seines hohen Beschaffungsvolumens haben wir den NAF trotzdem in unsere Analyse einbezogen und unter dem Begriff «Verwaltungseinheiten» zusammengefasst.

Unsere Eventserie

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Erläuterungen zu den Datengrundlagen

  • Die Daten beziehen sich auf die Jahre 2021 bis 2023. Informationen für das Jahr 2024 werden in den kommenden Beiträgen inkludiert.
  • Die Daten gelten für die zentrale Bundesverwaltung. Behörden und Gerichte (z. B. Bundesanwaltschaft) oder Organisationen der dezentralen Bundesverwaltung sind nur teilweise enthalten.
  • Die Zahlen enthalten neben den sieben Departementen auch Ausgaben der Parlamentsdienste, des Bundesrates sowie der Bundeskanzlei. Diese Ausgaben machen mit 0,4 % der Gesamtausgaben von über 25 Milliarden Franken nur einen geringen Teil der Gesamtausgaben aus.
  • Um die Vergleichbarkeit der Jahre 2021, 2022 und 2023 sicherzustellen, haben wir die Ausgaben für die Kampfflugzeuge F-35A und das Luftverteidigungssystem Patriot als grösste Beschaffungen des VBS im Jahr 2022 in der Höhe von rund 7 Milliarden Franken herausgerechnet.
  • Die Ausgaben sind jeweils mit Mehrwertsteuer ausgewiesen.
  • Die Zahlen weichen von den auf der Beschaffungsplattform der öffentlichen Hand (simap.ch) veröffentlichten Zahlen ab. Die simap-Analysen basieren lediglich auf Informationen aus den Zuschlägen. Die Zuschläge enthalten jedoch theoretische Volumina (Beispiel Rahmenverträge), aber nicht immer konkrete Beschaffungen.

Kurzbeschreibung der vier Beschaffungsverfahren

  • Offenes Verfahren: Das offene Verfahren stellt eine öffentliche Ausschreibung dar, bei der alle interessierten und geeigneten Anbieter ein Angebot einreichen können. Es wird insbesondere bei grösseren Beschaffungen angewendet, da es eine hohe Transparenz gewährleistet und in der Regel zu einem verstärkten Wettbewerb führt.
  • Selektivverfahren: Das selektive Verfahren ist ein zweistufiger Prozess, bei dem zunächst eine Eignungsprüfung stattfindet. Anschliessend werden nur ausgewählte, geeignete Anbieter zur Abgabe eines konkreten Angebots eingeladen. Aufgrund seines zeitlichen und organisatorischen Aufwands findet dieses Verfahren nur begrenzt Anwendung.
  • Einladungsverfahren: Beim Einladungsverfahren lädt die Vergabestelle eine Mindestanzahl von drei qualifizierten Anbietern direkt zur Angebotsabgabe ein, ohne eine öffentliche Ausschreibung durchzuführen. Dieses Verfahren ist für Aufträge unterhalb bestimmter Schwellenwerte vorgesehen und sichert dennoch die Gleichbehandlung von Anbietern sowie einen angemessenen Wettbewerb.
  • Freihändiges Verfahren: Das freihändige Verfahren ermöglicht die direkte Vergabe eines Auftrags ohne Wettbewerb an einen einzelnen Anbieter. Dies erfolgt ausschliesslich bei kleineren Auftragsvolumen oder in gesetzlich definierten Ausnahmefällen.

Bei allen Beschaffungsverfahren gibt es weitere, spezifisch zu berücksichtigende Rahmenbedingungen. Einen übersichtlichen Einblick in das Beschaffungsrecht ermöglicht die Seite trias.swiss.

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