Stellen Sie sich Jeff vor, Ihren Kundenberater. Jeff erinnert sich an jede Interaktion, die er jemals mit Ihnen hatte – jedes Gespräch, jede E-Mail, jede beiläufige Bemerkung zu Ihrer Risikoneigung und Ihren langfristigen Zielen. Er kennt nicht nur Ihr Portfolio, sondern auch die Beweggründe hinter jeder einzelnen Anlageentscheidung. Wenn Sie Jeff eine Frage stellen, erhalten Sie sofort eine präzise und vollständig kontextualisierte Empfehlung. Jeff ist kein Mensch. Er ist eine Maschine.
Diese Vision ist nicht länger spekulativ. Fortschritte in Datenverarbeitung und künstlicher Intelligenz machen sie gar unausweichlich. Dies steht in deutlichem Gegensatz zur aktuell mangelnden Fähigkeit der Mehrheit heutiger Banken, ein daten- und KI-zentriertes Geschäftsmodell zu tragen. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob diese Zukunft kommt. Die zentrale Frage lautet, welche Banken Teil dieser Zukunft sein werden.
Der aktuelle technologische Umbruch ist von zunehmender Beschleunigung gekennzeichnet. Der Futurist Ray Kurzweil beschreibt diesen Effekt mit dem Law of Accelerating Returns: Technologischer Fortschritt verläuft nicht linear, sondern exponentiell, da jede Generation von Technologie auf der vorherigen aufbaut. Die aktuell rasanten technologischen Sprünge in der künstlichen Intelligenz und Robotik, entlang der Zeitlinie die Kurzweil bereits vor 20 Jahren skizzierte, sprechen für sich.
In einer Welt exponentieller Entwicklung wird das falsche Transformationsparadigma zum Überlebensrisiko. Für Organisationen, deren Entscheidungs- und Investitionslogik auf linearen Annahmen und damit inkrementellen Innovationen beruht, entsteht daraus ein existentielles strukturelles Risiko. Unternehmen, deren Kernarchitekturen auf die Logik der alten Welt optimiert sind, verschwinden vom Markt. Das Bankwesen befindet sich heute genau an einem solchen Übergangspunkt.
Vergleicht man in diesem strategischen Umfeld insbesondere die erfolgreichsten Technologieunternehmen mit Banken, so wird der inadäquate Innovationsansatz bei Banken unausweichlich klar. Banken behandeln Core-Banking-Transformation weiterhin als dediziertes, inkrementelles Projekt. Architekturentscheidungen entstehen fragmentiert, kompromissgetrieben und mit einzelnen Business Cases. Sie kodifizieren ein Geschäftsmodell aus der alten technologischen Welt: rechnungswesengetrieben, batch-orientiert, funktional fragmentiert.
Dieser Weg ist strategisch fatal, denn Künstliche Intelligenz ist in naher Zukunft kein unterstützendes Werkzeug, sondern das Orchestrierungsprinzip erfolgreicher Firmen. Es geht ausdrücklich nicht um „KI-unterstützte Prozesse“. Es geht um ein Geschäftsmodell, das von Daten und KI ausgeht und von dort alles andere ableitet: Produkte, Prozesse, Organisation und Governance.
Diese Neuausrichtung des Geschäftsmodells bedingt im Minimum eine radikale Beschleunigung bereits bekannter digitaler Core-Transformationen hin zu cloud-nativen, offenen und skalierbaren Architekturen. Doch sie geht darüber hinaus: das Geschäftsmodell - und damit auch die Core Banking Systeme - muss radikal auf die aus den Kundeninteraktionen (Client Life Cycle) resultierenden Datenbedürfnissen ausgerichtet werden.
Im Zeitalter daten- und KI-zentrierter Geschäftsmodelle ist die Weichenstellung somit klar definiert: Entweder Banken transformieren ihre Core Banking Landschaft mit einer fundamentalen Entschlossenheit, Geschwindigkeit und Investitionsbereitschaft und werden damit im Kern zu Technologieunternehmen – oder sie verlieren ihre wirtschaftliche Relevanz. Nicht morgen. Aber unausweichlich.
Inkrementelle Innovation im Core Banking ist somit kein vorsichtiger Weg. Sie ist ein Irrweg.
Nienke Meester
Senior Manager Technology Strategy & Transformation, PwC Switzerland
Driton Thaqi