Die aktuelle Aufsichtspraxis und die Erwartungen der Regulatoren zeigen deutlich: Der Fokus bei der Abklärung von Transaktionen mit erhöhten Risiken («TmeR») verschiebt sich zunehmend von der Prüfung einzelner Transaktionen hin zur szenariobasierten Beurteilung. Dieser Ansatz hilft, auffällige Risikomuster wie Bar- oder Durchlauftransaktionen, Money Muling, Hinweise auf Anlagebetrug, Strukturierung sowie Abweichungen vom Kundenprofil wirksamer und risikogerechter zu beurteilen. Im Mittelpunkt steht daher immer weniger die Frage, ob sich eine einzelne Transaktion erklären lässt, sondern vielmehr, ob das vom Szenario erfasste Transaktionsmuster wirtschaftlich plausibel ist und die damit verbundenen Risiken angemessen beurteilt wurden.
Damit Banken diese Entwicklung wirksam nutzen, braucht es neben einer durchdachten Kombination aus statischen und dynamischen TmeR-Kriterien zur systemgestützten Erkennung von Risikomustern klare Vorgaben für die Praxis. Dazu gehören konkrete Anleitungen, gezielte Leitfragen für die Aufklärung von Transaktionsrisikoszenarien und eine risikoorienierte Abklärungstiefe. Generische Fragestellungen reichen hier meist nicht aus. Sie blenden zentrale szenariospezifische Aspekte aus, weshalb sich in der Folge die mit einem bestimmten Transaktionsszenario verbundenen Risiken nicht ausreichend mindern lassen. Wer konsequent szenariobasiert abklärt, stärkt die frühzeitige Erkennung und Eskalation von Geldwäscherisiken und erhört damit die Wirksamkeit der Kontrollen in der systemunterstützten Transaktionsüberwachung nachhaltig.
Eine Zahlung überschreitet einen Schwellenwert, ein Land gilt als risikobehaftet oder bei der Eröffnung einer Geschäftsbeziehung wird ein Bargeldbetrag einbezahlt. Traditionell wird nach einem TmeR-Treffer im Transaktionsmonitoring die einzelne Transaktion geprüft, erklärt und dokumentiert. Dieser Ansatz ist nachvollziehbar, greift jedoch zu kurz, sobald die Transaktion Teil eines Musters ist. Viele Geldwäschereirisiken treten nicht in einer isolierten Transaktion zutage, bei der nur die unmittelbare Vermögensherkunft oder der isolierte Zweck einer ausgehenden Zahlung abgeklärt wird. Vielmehr offenbart erst das Muster oder die Transaktionskette, zu der die eingehende oder ausgehende Transaktion und damit das Szenario gehört, das eigentliche inhärente Risiko. Typische Konstellationen sind zum Beispiel:
Zahlungseingänge, die zeitnah weitergeleitet werden;
Bargeldbeträge, die gestaffelt einbezahlt werden, während grössere Gutschriften unmittelbar bar bezogen werden;
Transaktionen eines Neukunden, die stark von den beim Onboarding angegebenen Erwartungswerten abweichen;
Zweck oder Mittelherkunft, die wesentlich von einer vergleichbaren Ausgangslage abweichen;
Risikoländer oder bekannte Umgehungsländer, die ohne wirtschaftlich nachvollziehbaren Grund als Zahlungskanal verwendet werden.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr: «Wie lässt sich diese einzelne Transaktion erklären?» Entscheidend ist, «welches Risikoszenario ausgelöst wurde und ob das Transaktionsmuster sowie die damit verbundenen Risiken ausreichend abgeklärt sind.»
Die isolierte Abklärung einzelner Zahlungen kann zwar ein Puzzleteil innerhalb einer Transaktionskette erklären, zugleich aber das wesentliche Risikomuster übersehen. Zudem lassen sich einzelne Transaktionen von mutmasslichen Geldwäschern häufig leichter plausibilisieren und mit Dokumenten belegen als ein von der Bank erfasstes Risikomuster. So entstehen False Negatives und relevante Risiken können in der Abklärung unerkannt bleiben.
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen einer rein transaktionsbezogenen und einer szenariobasierten TmeR-Abklärung mit Fokus auf das Verhalten. Letztere schafft einen risikoorientierten Rahmen, indem sie den TmeR-Alert als Hinweis auf ein Risikomuster versteht. Sie bezieht alle für das Szenario relevanten Transaktionen ein, prüft deren wirtschaftlichen Zusammenhang, stellt die szenariospezifisch relevanten Leitfragen und ermöglicht so eine angemessene, risikoorientierte Plausibilisierung.
Eine szenariobasierte TmeR-Abklärung richtet die Fallbearbeitung am konkreten Risikomuster aus, das durch das Transaktionsmonitoring erkannt wurde. Das im System eingebaute Szenario legt zusammen mit dem Risikoprofil des Kunden die Abklärungslogik fest, welche Informationen und Belege nötig sind, die Tiefe der Plausibilisierung sowie die Begründung des Entscheids. Der Unterschied zur Abklärung einzelner Transaktionen zeigt sich in drei Punkten:
Transaktionen werden nicht isoliert betrachtet: Alle vom Szenario erfassten Transaktionen werden berücksichtigt. Einzelne materielle Transaktionen können vertieft geprüft werden; gleichartige oder weniger relevante Transaktionen können zusammengefasst beurteilt werden. Entscheidend ist, dass das vom Szenario erkannte Muster nachvollziehbar adressiert wird.
Die Abklärung folgt szenariospezifischen Leitfragen: Bei Bargeldtransaktionen stehen andere Fragen im Vordergrund als bei Durchlauftransaktionen, Money-Mule-Konstellationen, Zahlungen in Hochrisikoländer oder Vermögensumstrukturierungen. Der zentrale Qualitätsfaktor besteht darin, im jeweiligen Fall die richtigen Fragen zu stellen, abgestimmt auf das konkrete Risikomuster.
Die Beurteilung endet mit einer risikoorientierten Plausibilisierung: Die Bank muss nicht beweisen, dass eine Transaktion rechtmässig ist. Sie muss jedoch risikoorientiert abklären und nachvollziehbar dokumentieren, warum der wirtschaftliche Hintergrund insgesamt plausibel ist, welche Zusammenhänge bestehen, welche Zweifel verbleiben und welche Folgemassnahmen sich daraus ergeben. Drittbelege müssen kritisch geprüft und im Kontext des Szenarios analysiert werden. Die blosse Existenz eines Belegs genügt nicht.
Damit verschiebt sich der Fokus von einer formellen zu einer materiellen Fallbearbeitung. Die Abklärung richtet sich nicht länger primär an der isolierten Betrachtung einzelner Transaktionen und an generischen Checklisten aus, sondern an den wesentlichen Risikotreibern und Transaktionsmustern.
Eine szenariobasierte TmeR-Abklärung ist nur dann vollständig, wenn die Ergebnisse nachvollziehbar dokumentiert sind. Die Dokumentation muss einer unabhängigen, sachkundigen Drittperson ermöglichen, den Fall, die durchgeführten Abklärungshandlungen und die Entscheidungslogik zu verstehen (Art. 22 Abs. 1 GwV-FINMA).
Eine gute szenariobasierte Dokumentation enthält:
die Analyse des relevanten und konkreten Risikos des TmeR-Alerts;
den Kontext des ausgelösten Szenarios;
die angemessene, risikoorientierte Würdigung sämtlicher vom Szenario erfassten Transaktionen;
die Berücksichtigung wesentlicher Red Flags, die mit dem Szenario einhergehen, sowie daraus abgeleitete spezifische Fragestellungen;
den angemessenen Abgleich mit dem Kundenprofil und dem erwartetem Transaktionsverhalten;
risikobasiert eingeholte Informationen und Belege sowie die Konsultation zugänglicher öffentlicher Quellen und Datenbanken;
eine kritische wirtschaftliche Plausibilisierung;
verbleibende Zweifel oder deren Ausräumung;
Entscheidung, Eskalation und Folgemassnahmen.
Dabei gilt: Gute Dokumentation muss weder lang sein noch auf einer Suche nach Zufallsfunden beruhen. Sie ist relevant, risikobezogen, kritisch und gezielt. Eine gute Falldokumentation beurteilt und würdigt die erhaltenen Abklärungsinformationen bewusst und strukturiert. Nicht zielführend sind pauschale Narrative, ungezielte Dokumentenanforderungen oder vollständige KYC-Wiederholungen ohne Bezug zum Szenario, die vom eigentlichen Risiko ablenken.
Die aktuelle Marktpraxis im Schweizer Bankensektor zeigt, dass sich die Abklärung von Transaktionen mit erhöhten Risiken branchenweit in eine ähnliche Richtung entwickelt. Dabei setzen die Institute unterschiedliche Schwerpunkte und bauen ihre Vorgehensweise weiter aus.
Etablierter Kern der Transaktionsabklärung
Bei einigen Kernelementen besteht in der Branche breiter Konsens:
Bei eingehenden Vermögenswerten wird deren Herkunft dokumentiert, bei ausgehenden Transaktionen der Verwendungszweck. Die eingeholten Informationen sind nachvollziehbar, plausibel und wirtschaftlich begründet. Das ist branchenweit der zentrale Bestandteil einer Transaktionsabklärung.
Ebenso verankert ist die Prüfung, ob das Transaktionsverhalten auf Änderungen hinsichtlich der bereits dokumentierten wirtschaftlichen Berechtigung an den Vermögenswerten oder der dokumentierten Vermögensherkunft hindeutet.
Verbleibende Zweifel sind entweder auszuräumen oder durch angemessene Folgemassnahmen zu adressieren. Dazu gehören um Beispiel eine anlassbezogene Kundenüberprüfung (Event-Driven-Review) oder die Prüfung, ob eine Verdachtsmeldung an die MROS zu erstatten ist.
Die szenariobasierte Abklärung ersetzt diese Kernelemente nicht. Sie ordnet sie in den Kontext des erkannten Musters ein.
Trend: Vom Einzelfall zum Szenario
Die Branche löst sich von der isolierten Prüfung einzelner Transaktionen. Die Abklärung umfasst zunehmend alle vom Szenario erfassten Transaktionen, die strukturiert geprüft und zueinander in Beziehung gesetzt werden.
Besonders ausgeprägt ist die szenariospezifische Abklärungslogik derzeit bei Bargeld- und Durchlauftransaktionen. Vorgaben dazu werden zunehmend auch für weitere TmeR-Szenarien entwickelt und verfeinert.
Banken sollten ihre bestehenden TmeR-Abklärungen gezielt daraufhin überprüfen, ob sie tatsächlich szenariobasiert funktionieren. Praktisch empfiehlt sich folgendes Vorgehen:
Die Weiterentwicklung von der transaktionsbezogenen zur szenariobasierten TmeR-Abklärung ist ein zentraler Schritt hin zu einer wirksamen Abklärung der durch das Transaktionsmonitoring erkannten Geldwäschereirisiken. Sie stärkt die Risikoerkennung, verbessert die Qualität der Abklärungen und erhöht die Nachvollziehbarkeit gegenüber internen Kontrollfunktionen, externen Prüfern und der Aufsicht.
Der Mehrwert liegt nicht darin, jede Abklärung umfangreicher zu gestalten. Im Gegenteil: Gute szenariobasierte Abklärungen sind fokussierter, substanzieller und stärker risikoorientiert. Sie vermeiden unnötige oder generische Abklärungsschritte und stellen bei relevanten Red Flags gezielt die richtigen Fragen. Gerade bei Bartransaktionen, Durchlauftransaktionen und wirtschaftlich nicht plausiblen Zahlungsflüssen ist dieser Ansatz entscheidend.
Für Banken empfiehlt sich deshalb eine strukturierte Standortbestimmung anhand der folgenden Fragen:
Welchen spezifischen Risikoszenarien ist das Institut ausgesetzt?
Werden diese Szenarien durch das bestende Transaktionsmonitoring zuverlässig erkannt?
Führen sie zu den richtigen, risikoorientierten Abklärungsfragen?
Ist die Plausibilisierung ausreichend kritisch und nachvollziehbar dokumentiert?
Wer diese Fragen systematisch beantwortet, stärkt nicht nur die regulatorische Compliance, sondern auch die tatsächliche Wirksamkeit der Kontrollen im Geldwäschereidispositiv.
Als Ihr Partner des Vertrauens unterstützen wir Sie bei risikobasierten Analysen und Überprüfungen sowie bei der Ausgestaltung institutsspezifischer Regelwerke, Prozesse und Kontrollen, um die Wirksamkeit Ihres TmeR-Prozesses zu stärken. Auf der Grundlage unserer Fach- und Branchenkenntnisse aus der Prüfungs- und Beratungspraxis beraten wir Sie entsprechend Ihren individuellen Bedürfnissen und entwickeln gemeinsam mit Ihnen risikogerechte, massgeschneiderte Lösungen zur nachhaltigen und langfristigen Stärkung Ihres Instituts. Gerne stehen wir Ihnen für ein vertiefendes Gespräch zur Verfügung.
Patrick Siegenthaler