Die Digitalisierung führt zu einer Verschiebung der Gesundheitsausgaben – Was bedeutet das für die Schweiz und ihre Leistungserbringer?

Lussi Karin Consultant Healthcare Advisory, PwC Switzerland 21 Aug 2019

Strategy& hat kürzlich eine Studie zu Entwicklungen im globalen Gesundheitsmarkt und prognostizierten Gesundheitsausgaben publiziert. In diesem Artikel fassen wir die wichtigsten Ergebnisse zusammen und erläutern die Bedeutung für die Leistungserbringer in der Schweiz. 

Für die Studie wurden 120 Manager führender globaler Pharmaunternehmen befragt. Sie sagen voraus, dass bis ins Jahr 2030 massive Ausgabenzuwächse in den Bereichen Prävention (+244%), Diagnostik (+524%) und digitale Gesundheit (+205%) zu erwarten sind. Gleichzeitig wird erwartet, dass der Anteil der medizinischen Versorgung an den Gesamtausgaben im Gesundheitswesen stark rückläufig sein wird (-16% am globalen Markt). 

Die digitale Technologie hat ein grosses finanzielles Potenzial, zwingt die Marktteilnehmer im Gesundheitswesen jedoch zum Umdenken 

Gemäss den Ergebnissen der Umfrage wird erwartet, dass das globale Marktvolumen von 10,6 Brd. USD im Jahr 2018 um 10 Prozent auf 11,6 Brd. USD im Jahr 2030 zunimmt. Die Ausgaben pro Patient können dabei jedoch um 27,5 Prozent reduziert werden. Dies ist auf den zukünftig stark wachsenden Anteil der Bevölkerung mit Zugang zur Gesundheitsversorgung zurückzuführen. Basierend auf diesen Prognosen ist zu erwarten, dass die operative Nettomarge in der Pharmaindustrie stark abnehmen wird. Auch am Schweizer Gesundheitsmarkt kann von einem Umsatzwachstum in den nächsten Jahren ausgegangen werden. Der zunehmende Kosten- und Margendruck auf die Leistungserbringer und die daraus resultierende sinkende Rentabilität stellt diese jedoch vor signifikante Herausforderungen. 

Das traditionelle Modell von Leistungserbringern, Pharma- und Medizintechnikunternehmen steht damit unsicheren Zeiten gegenüber. Technologiefirmen drängen immer mehr auf den Markt und treiben den Wandel im Gesundheitswesen mit hoher Geschwindigkeit voran. Präventive, personalisierte und in den Alltag integrierte digitale Angebote werden zukünftig eine zentrale Rolle im Gesundheitswesen spielen. Dadurch werden Krankheiten gar nicht mehr oder teilweise erst später behandelt, da sie durch die Präventionsmassnahmen nicht mehr oder erst zu einem späteren Zeitpunkt entstehen. Konsensus herrscht auch darüber, dass in Zukunft der informierte, selbstbestimmte Mensch in den Mittelpunkt des Gesundheitswesens gestellt wird. Diese Entwicklungen zwingen die Gesundheitsanbieter und Leistungserbringer weltweit zum Umdenken. Sie müssen neue, innovative Geschäftsmodelle verfolgen, welche die Bedürfnisse des Patienten und den Einsatz neuer Technologien vermehrt ins Zentrum rücken.  

Bedeutung für die Schweiz, ihr Gesundheitswesen und die Schweizer Leistungserbringer

Prävention durch Technologie wird in Zukunft am gesamten Gesundheitsmarkt und damit insbesondere bei den Geschäftsmodellen der Schweizer Leistungserbringer eine noch grössere Rolle spielen als heute. Es ist davon auszugehen, dass die Einnahmen pro Patient, welche durch medizinische Behandlungen erzielt werden, für alle Marktteilnehmer sinken werden. Gemäss der Umfrage stellt dies die Pharmaunternehmen vor zusätzliche Herausforderungen. Aus unserer Sicht betrifft dies aber vor allem auch die Leistungserbringer, welche auf medizinische Versorgung ausgerichtet sind. Bereits heute kämpfen die Leistungserbringer damit, eine ausreichende Gewinnmarge zu erwirtschaften, um langfristig bestehen zu können. Um mit dem Wandel im Gesundheitswesen Schritt halten zu können und die Effizienz zu steigern, sind neue, innovative Geschäftsmodelle gefragt. Diese sollten sich an ganzheitlicher Versorgung und versorgungsstufenübergreifenden Prozessen ausrichten. Heutige Spitäler müssen sich zu Gesundheitsanbietern im Zusammenspiel mit Leistungserbringern verschiedener Versorgungstiefen (niedergelassener Arzt, Spital, Reha, Spitex, usw.), Pharma- und Medizintechnikunternehmen, Versicherungen und mündigen Patienten entwickeln. Ausserdem müssen sie mit gezielten Investitionen in die Wachstumsfelder Diagnostik, Prävention und digitale Gesundheits-Lösungen neue Kompetenzen im (digital-)vernetzten Bereich aufbauen, um auf dem Markt bestehen zu können. Dies bedingt auch Strukturen, welche die nötige Agilität für schnelle Entscheidungen zulassen. 

Bestehende Vergütungsmodelle und Regulationen bremsen die Verlagerung 

Das Vergütungsmodell in der Schweiz sowie die strikten und sich langsam ändernden Regulationen werden diesen Trend zur Integration und Verschiebung in die Bereiche Prävention, Diagnostik und digitale Gesundheit entschleunigen. Die Vergütungsverhandlungen für neue, innovative Modelle sind langwierig und bieten wenig Flexibilität. Zulassungsverfahren für neu entwickelte Technologien und Behandlungsprozesse können sich über mehrere Jahre hinweg erstrecken. Die initiierte Verschärfung des Medizinprodukterechts, in Anlehnung an die EU-Verordnungen, stellt zudem höhere Anforderungen an die klinische Bewertung neuer Produkte. Einen Lichtblick in diesem zähen gesundheitspolitischen Umfeld bietet der Experimentierartikel, welcher Bestandteil der aktuell in Prüfung befindlichen KVG -Revision ist. Ziel des Artikels ist es, innovative und kostendämpfende Projekte ausserhalb des KVG-Rahmens zu ermöglichen. Wie der Experimentierartikel umgesetzt wird und in welchem Ausmass neue Ideen umgesetzt werden können, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.  

Trotz dieser Hürden wird der technologische Fortschritt im Gesundheitswesen rasant voranschreiten. Die Leistungserbringer sowie die traditionellen Pharma- und Medizintechnikunternehmen müssen nun ihrerseits die nötigen Kompetenzen im Digitalbereich aufbauen, um sich am Markt durchsetzen zu können. 

 

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