Schweizer Spitäler müssen operative Exzellenz, finanzielle Stabilität und digitale Transformation vorantreiben. Gleichzeitig bleibt der Kostendruck hoch, der Fachkräftemangel verschärft sich, ambulante Leistungsmodelle werden wichtiger, regulatorische Vorgaben entwickeln sich weiter. Und schliesslich betreiben viele Häuser historisch gewachsene IT-Landschaften mit hoher Schnittstellenkomplexität.
Die aktuelle PwC-Studie «Schweizer Spitäler: So gesund waren die Finanzen 2025» zeigt in vielen Spitälern eine operative Erholung der EBITDAR- und Reingewinnmargen. Aber: Die Akutspitäler verfehlen die Zielmarge von 10 Prozent weiterhin klar, die Kapitalrendite liegt unter den Finanzierungskosten. Nur rund jedes achte Spital ist strukturell profitabel genug, um Investitionen in Infrastruktur, Medizintechnik, Digitalisierung und Transformation nachhaltig aus eigener Kraft zu finanzieren. Innovation und Effizienz sind demnach die Voraussetzung dafür, auch künftig handlungsfähig zu bleiben.
Die PwC-Studie «Zukunftsperspektiven für die Spitallandschaft Schweiz» kommt zu einem ähnlichen Schluss: Der Status quo ist keine Option. Abgestufte Versorgung, Ambulantisierung und digitale Transformation bilden die zentralen Zukunftshebel für eine tragfähige Spitallandschaft.
Vor diesem Hintergrund entscheidet das ERP-System nicht nur darüber, wie Rechnungen, Bestellungen oder Stammdaten verarbeitet werden. Es prägt vor allem, wie ein Spital steuert, integriert, skaliert, regulatorische Anforderungen erfüllt und seine knappen Ressourcen einsetzt.
Die Entscheidung für ein neues ERP-System ist in Spitälern selten allein technologisch motiviert. Häufig geht sie aus diversen Abhängigkeiten hervor: auslaufender Support bestehender Altsysteme, notwendige Ablösungen im SAP- oder Microsoft-Umfeld, ungeklärte Nachfolgelösungen für spitalspezifische Module, Neueinführungen von Klinikinformationssystemen (KIS), Tarifreformen, Cloud-Strategien und begrenzte interne Projektkapazitäten.
Ebenso entscheidend ist die Integration in die bestehende Systemlandschaft. Spitäler betreiben keine einfache Applikationslandschaft. ERP-Systeme hängen an Patientenadministration, KIS, Kodierung, Finanzsystemen, Einkaufsplattformen, Logistik, Business Intelligence, HR-Applikationen, Schnittstellen-Middleware und spezialisierten Fachapplikationen. Eine ERP-Erneuerung ist deshalb immer auch eine Stammdaten-, Schnittstellen- und Governance-Transformation.
Ein weiterer kritischer Faktor ist der Zeitplan. Eine realistische ERP-Transformation benötigt oft mehrere Jahre. Wenn der Support eines Bestandssystems früher endet als das Zielsystem produktiv gehen kann, entsteht eine Übergangsphase mit erhöhtem Betriebs-, Sicherheits- und Lieferantenrisiko. Diese Phase muss aktiv vertraglich, organisatorisch und technisch abgesichert werden.
Nicht zuletzt setzen viele Schweizer Spitäler für anstehende Transformationen weiterhin auf externe Fachexpertise. Aktuell und in den nächsten Jahren sind diese mit TARDOC, ambulanten Pauschalen, der einheitlichen Finanzierung (EFAS) und dem Supportende der beiden grössten ERP-Systeme am Markt (Microsoft Dynamics NAV 2017 per Januar 2027, SAP ECC 6.0 per Dezember 2027 respektive 2030, Microsoft Dynamics NAV 2018 per Januar 2028) beschäftigt. So führen volle Auftragsbücher bereits zu Umsetzungsverzögerungen.
Moderne ERP-Systeme gehen heute weit über klassische Finanz- und Beschaffungsprozesse hinaus. Zu den Kernbereichen zählen Finanzbuchhaltung, Abschlüsse, Anlagenbuchhaltung, Kostenrechnung nach REKOLE, Controlling, Ertragsabgrenzung, Einkauf, E-Procurement, Lieferantenmanagement, Lager, Logistik, Leistungsabrechnung, Patientenadministration, Schnittstellensteuerung und Reporting.
Hinzu kommen Themen wie Tariflogik, TARDOC, ambulante Pauschalen, Datenqualität, Single Source of Truth für Stammdaten, internes Kontrollsystem, Datenschutz, Cloud-Readiness, Notfallwiederherstellung und End-to-End-Transparenz. Viele dieser Themen liegen in der Überlappung von ERP, KIS und Fachapplikationen. Gerade deshalb ist eine klare Systemarchitektur entscheidend: Nicht jede Funktion gehört ins ERP, doch alle Systeme müssen nahtlos zusammenspielen.
Ein weiterer Trend ist die bewusste Abwägung zwischen Best-of-Suite (umfassende Gesamtlösung) und Best-of-Breed (Expertenansatz). Spitäler wollen standardisieren, nicht aber ihre spitalspezifische Steuerungsfähigkeit verlieren. Sie wollen Cloud und Innovation, aber nur mit belastbarem Datenschutz, Verfügbarkeit und Betriebsmodell. Sie wollen Kooperation, aber bitte mit klaren Entscheidungsrechten, Datenhoheit, Exit-Optionen und Kostenlogik.
Wir sind überzeugt, dass eine gute ERP-Entscheidung nicht mit der Software, sondern mit dem Zielbild beginnt. Die Verantwortlichen müssen zuerst klären, welche Rolle das ERP in der künftigen Unternehmensarchitektur einnehmen soll: Stabilisierung, Transformation, Kooperation oder Plattform für Wachstum.
In der Praxis hat es sich bewährt, ERP-Systeme und Zukunftsszenarien anhand mehrerer Kriterien zu bewerten: funktionaler Fit, Integration, Plattform, Organisation, externe Einflussfaktoren, strategische Passfähigkeit und Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Kosten. Gerade die Kostenbetrachtung muss über Lizenz- und Implementierungsaufwand hinausgehen. Entscheidend sind mehrjährige Berechnungen der Total Costs of Ownership (TCO), Übergangskosten zwischen Supportende des Altsystems und dem Go-Live des neuen ERP-Systems, interne Kapazitäten, Change-Aufwand, Betrieb, Weiterentwicklung, Exitkosten und die Kosten des Nichtstuns.
Ebenso wichtig ist die Organisation. Ein funktional starkes Zielsystem hilft wenig, wenn Fachbereiche, IT und Schlüsselpersonen die Transformation neben dem Tagesbetrieb nicht tragen können. Die PwC-Studie «Was CFOs von Schweizer Spitälern bewegt» betont, dass Mitarbeitende, Prozesse, Daten und Technologien gezielt aufeinander abgestimmt werden müssen.
Entscheidend für den langfristigen Erfolg sind die folgenden fünf Faktoren:
Unter Beratung fürs Gesundheitswesen finden Sie alle Themen, die für Schweizer Spitäler im Hinblick auf Transformation, Finanzen und die Branche selbst wichtig sind.
ERP-Systeme sind in Schweizer Spitälern längst nicht mehr nur Backoffice-Tools. Sie sind eine tragende digitale Struktur für finanzielle Steuerung, operative Effizienz, regulatorische Sicherheit und strategische Handlungsfähigkeit. Die operative Erholung 2025 ersetzt den notwendigen Strukturwandel nicht, sondern schafft den finanziellen Spielraum, um ihn voranzutreiben. Nur ein kleiner Teil der Spitäler hat heute genug erwirtschaftet, um diese Transformation aus eigener Kraft zu bewerkstelligen.
Das beste ERP-Szenario ist nicht automatisch das technologisch ambitionierteste. Es ist jenes, das funktional passt, organisatorisch umsetzbar ist, die Integrationsrisiken beherrscht, finanziell verantwortbar bleibt und zugleich genügend Zukunft offenhält. Wer heute in ein neues ERP-System investiert, legt die Grundlage für die Steuerungsfähigkeit des Spitals von morgen. Dazu braucht es weniger Systemgläubigkeit und mehr Architekturdisziplin: klare Ziele, belastbare Abhängigkeiten, transparente Kosten, starke Governance und Standardisierung dort, wo sie Freiraum für echte Innovation schafft.
Manuel Dietrich
Michael Dold