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Compliance neu gedacht

Wie KI die Rolle des Compliance Officers verändert

Zuerst die Frage, die alle wirklich interessiert: Ersetzt KI den Compliance Officer?

Compliance-Jobs galten jahrelang als sicher. Mit ständig steigenden regulatorischen Anforderungen setzten die Banken mehr denn je auf Fachleute für die Bekämpfung von Geldwäscherei (AML) und Terrorismusfinanzierung (CTF). Diese Rollen galten als stabil, unverzichtbar und dauerhaft.

Doch nun hat Künstliche Intelligenz (KI) die Bühne betreten. Ihre Rolle in der Compliance war eines der Kernthemen der zweiten EMEA AML Survey von PwC, veröffentlicht im Mai 2026. Die  Schweizer Auswertung basiert auf den Antworten FINMA-regulierter Institute. 73 % der Schweizer Teilnehmenden prüfen den Einsatz von KI in AML-Prozessen, gut die Hälfte wendet dafür aber nur 0-3 % des AML-Budgets auf. Als grösste Hürde nannten 73 % die Datenqualität, und 53 % die regulatorische Unsicherheit. Der Anspruch eilt der Umsetzung damit zwar voraus, dennoch hält KI zunehmend Einzug in die schweizerische AML/CTF-Praxis. Für Compliance Officers ist gerade diese Unsicherheit darüber, was übernommen wird und wann, ein zentraler Faktor, der die Sorge vor der eigenen Ersetzbarkeit nährt.

Von der Sorge zur Praxis: Wo KI die AML/CTF-Arbeit heute schon prägt

Die Angst vor einer neuen Technologie ist nichts Neues. Entscheidend ist zu verstehen, wo KI in AML/CTF heute tatsächlich steht und was sie leistet. Die Grafik unten zeigt die häufigsten Einsatzfelder von KI und verdeutlicht, wie diese den Arbeitsalltag von Compliance Officers verändern:

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Machine Learning erweitert die regelbasierte Überwachung, indem es Muster, Ausreisser und Anomalien erkennt, die sonst unentdeckt bleiben - verdächtige Aktivitäten werden präziser erkannt, und es entstehen weniger false positives.

KI prüft Kundinnen und Kunden in Sekunden gegen mehrere Watchlists, analysiert Adverse Media in verschiedenen Sprachen und erkennt synthetische Identitäten bereits beim Onboarding. Zunehmend beschränkt sich dies nicht mehr auf das Onboarding: Banken ersetzen kalendergesteuerte periodische Überprüfungen durch fortlaufendes KYC, bei dem Reviews ereignisgetrieben statt zyklusbasiert erfolgen. Adverse Media Screening: Mit NLP analysiert KI grosse Mengen unstrukturierter Daten - Nachrichten, Blogs, Social Media -, sodass Risiken bei Kunden und Gegenparteien schneller sichtbar werden.

Administrative Arbeit, Regulatory Change Monitoring und Recherche werden zunehmend automatisiert. Das schafft Zeit für komplexe Fälle und für Entscheide, die menschliches Urteilsvermögen verlangen.

Die neueste Entwicklung führt von Werkzeugen, die auffällige Fälle markieren, zu Systemen, die einen Fall vom Anfang bis zum Ende bearbeiten - Belege über verschiedene Quellsysteme zusammentragen, Beteiligungs- und Kontrollstrukturen abbilden und den Text einer Verdachtsmeldung (suspicious activity report, SAR) für die menschliche Prüfung vorbereiten. Am weitesten verbreitet ist das bereits in KYC und Transaction Monitoring. Damit verlagert sich der Tätigkeitsschwerpunkt des Compliance Officers von der Zusammenstellung des Dossiers auf dessen Prüfung, Korrektur und Freigabe.

KI unter Beobachtung: Die regulatorischen Anforderungen steigen

Wenn KI nicht mehr nur Fälle markiert, sondern sie bearbeitet, steigen auch die aufsichtsrechtlichen Erwartungen. Die Verantwortung des Compliance Officers verlagert sich von der Durchführung der Kontrollen hin zur Steuerung der Systeme, die diese Kontrollen ausführen. Neben der FINMA-Aufsichtsmitteilung zu Governance und Risikomanagement beim Einsatz von KI haben FATF, EBA, FinCEN und FCA begonnen, Erwartungen an den verantwortungsvollen Einsatz von KI bei der Erkennung von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung zu formulieren. Am unmittelbarsten wirkt der EU AI Act: Viele Anwendungsfälle in AML/CTF und in der Kundensorgfaltsprüfung dürften unter dessen Hochrisiko-Klassifizierung fallen, was Pflichten zu Transparenz, menschlicher Aufsicht und Model Governance auslöst. Mit dem AI-Omnibus-Paket[1] gelten die zentralen Hochrisiko-Pflichten ab dem 2. Dezember 2027, für bestehende Systeme bis zum 2. August 2028. Zwar bleibt Zeit für die Vorbereitung, allerdings weniger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Leicht übersehen werden dabei die datenschutzrechtlichen Folgen: Wo KI grosse Mengen an Kundendaten verarbeitet, stellen sich Fragen zur Rechtsgrundlage, zu automatisierten Einzelentscheiden und zur Datenminimierung - unter der DSGVO wie unter dem revidierten schweizerischen Datenschutzgesetz. Sie gehören in denselben Governance-Rahmen wie das Modellrisiko, und sie sind deutlich günstiger zu klären, solange ein Anwendungsfall konzipiert wird, als wenn er bereits läuft.

Die Werkzeuge zu nutzen ist der einfache Teil. Die Arbeit besteht darin, diese Pflichten operativ umzusetzen. Damit wird regulatorische Sattelfestigkeit in AI Governance für einen Compliance Officer so wesentlich wie das Wissen über Typologien der Finanzkriminalität.

Bereit für die Zukunft: das eigene Kompetenzprofil ausbauen

Die Steuerung von Systemen erfordert ein anderes Kompetenzprofil als die Durchführung von Kontrollen. Die menschliche Expertise verlagert sich auf die Nachvollziehbarkeit von Entscheiden, die ein automatisiertes System bereits getroffen hat. Algorithmusbasierte Verzerrungen und halluzinierte Ergebnisse sind genau der Grund, weshalb das Urteil beim Menschen bleibt: Jemand muss die Resultate validieren, kritische Fragen stellen und die Verantwortung für das endgültige Urteil übernehmen.

Gefragt ist zudem Neugier. Eine Affinität zu neuer Technologie wird ganz selbstverständlich Teil des Stellenbeschriebs.

Weil KI die volumenstarke Arbeit übernimmt, verlagert sich der Tätigkeitsschwerpunkt auf Ausnahmen und Aufsicht: prüfen, was das Modell markiert hat, den komplexen Fällen nachgehen, regulatorische Entwicklungen einordnen und dort entscheiden, wo die Antwort nicht offensichtlich ist.

Die Zukunft gehört dem Team aus Mensch und Maschine

Kompetenzen, die die Rolle zukunftsfest machen:

  • Data Literacy / Verständnis von ML Konzepten
  • Prompt Engineering
  • Model Validation und Testing
  • AI Ethics und Governance
  • Kritisches Hinterfragen von KI Outputs

Die Ausbildungslandschaft richtet sich bereits darauf aus. Ein Beispiel ist die Hochschule Luzern, die ab Herbst 2027 den ersten schweizerischen Bachelor in Business Law & LegalTech anbietet - mit einer eigenen RegTech-Vertiefung, die die Absolventinnen und Absolventen auf Compliance, Legal Operations und digitales Risikomanagement vorbereitet.

KI stärkt Compliance Officers, sie ersetzt sie nicht

Wohin geht die Reise? KI wird grosse Teile der Risiko- und Compliance-Prozesse automatisieren. Die Verantwortung aber wandert nicht mit. Regulatorische Verantwortung lässt sich nicht auslagern, denn zur Rechenschaft gezogen werden Menschen, nicht Systeme. Zudem fehlt der KI das differenzierte Urteilsvermögen und die ethische Abwägung, auf die diese Funktion angewiesen ist. Und die Täterseite nutzt dieselbe Technologie - Deepfakes und synthetische Identitäten beim Onboarding, KI-gesteuerte Netzwerke von Finanzagenten. Die Arbeit verlagert sich also; sie verschwindet nicht.

Für Compliance Officer ist die Botschaft klar: KI ist keine Bedrohung, sondern ein Enabler, der mehr Raum für Urteilsvermögen, Kontext und Verantwortung schafft.

Entweder man gestaltet KI in der eigenen Funktion – oder KI gestaltet die eigene Funktion.

Die Zukunft der Compliance liegt im Dirigieren des Zusammenspiels

Ein Orchester klingt erst dann wie eines, wenn alle Stimmen ineinander greifen. Für die Compliance gilt inzwischen dasselbe: Daten, Technologie, Prozesse und Menschen passen zusammen - oder eben nicht. Die Rolle des Compliance Officers wird zunehmend die des Dirigenten. Die Werkzeuge baut er selten selbst, aber er verantwortet, ob sie aufeinander abgestimmt, kontrolliert und verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Abwarten, wie es sich entwickelt, ist die einzige Option, die es nicht gibt.

Denn was die Bank verändert, verändert am Ende auch die eigene Arbeit.

Der Erfolg hängt dabei weniger von den Werkzeugen selbst als von dem Betriebsmodell ab, das um sie herum geschaffen wird. Drei Prioritäten stehen im Vordergrund:

  • Eine klare KI-Strategie festlegen - und verantwortungsvoll skalieren: den Einsatz von KI in AML/CTF auf Risikoappetit und regulatorische Pflichten der Bank abstimmen, dort beginnen, wo der Nutzen messbar ist, und Wirksamkeit, Reduktion der false positives sowie Prüffähigkeit belegen, bevor skaliert wird.
  • KI Governance stärken und menschliche Verantwortung verankern: Model Risk Management, Validierung, Nachvollziehbarkeit und menschliche Aufsicht, mit klaren Eskalationswegen und klarer Zuständigkeit, damit die Verantwortung bei namentlich benannten Personen bleibt.
  • Kompetenzen aufbauen und Silos abbauen: diese Fähigkeiten mit kontinuierlichem Lernen verbinden, die Rollen schaffen, die diese Verschiebung verlangt - KI Model Governance, Responsible KI Compliance, Data Quality Management -, und mit Data Science, IT und Legal zusammenarbeiten.

Wenn Sie die Auswirkungen auf Ihre Organisation näher diskutieren möchten, stehen wir Ihnen gerne für einen Austausch zur Verfügung, sei es zur Entwicklung einer KI-Compliance-Strategie, zur Stärkung der Governance oder zur Weiterbildung Ihrer Teams. Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen. Weitere Publikationen zum Thema KI finden sich unter AI insights.

[1] Digital Omnibus on AI (Regulation (EU) 2026/1744), in Kraft seit dem 27. Juli 2026: Ein EU-Angleichungspaket des AI Act (Regulation (EU) 2024/1689), das die Anforderungen für High-Risk aufschiebt und bestimmte Compliance- und Dokumentationspflichten lockert, während die Transparenzverplichtungen und die Pflichten für general-purpose AI ab dem 2. August 2026 in Kraft bleiben.

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Madeleine Rebsamen

Manager, Risk & Regulatory Financial Crime Compliance, PwC Switzerland

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Jennifer Marie Schmidt

Manager, Risk & Regulatory Financial Crime Compliance, PwC Switzerland

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