Im Fokus: Blockchain

Warum Blöcke und Ketten neue Freiheiten bieten

 

Adrian Keller
Partner, Leader Wirtschaftsprüfung für Blockchain, PwC Schweiz

Sebastian Ahrens
Director, Global Blockchain Audit Technology, PwC Schweiz

Bastian Stolzenberg
Blockchain Expert Assurance, PwC Schweiz

Die Blockchaintechnologie gilt zu Recht als revolutionär. Sie gestaltet die Wertschöpfungskette verlässlicher und effizienter als jeder konventionelle Ansatz, gerade in der Finanzwelt. Denn Transaktionen finden hier ohne Intermediär, in Echtzeit und mit unveränderbaren Einträgen statt. Eine verbreitete Anwendung der Blockchaintechnologie sind Kryptowährungen als virtuelle Währung. Diese digitale Münze bietet zahlreiche Vorteile, hat aber auch Kehrseiten, etwa die mangelnde Überwachung oder anfällige Identifikationsmechanismen. Was für den Durchbruch der Blockchaintechnologie aber eigentlich fehlt, ist ein breites Vertrauen.

Die Blockchain ist eine kontinuierlich erweiterbare Liste von Datensätzen oder Transaktionen (Blöcken), die miteinander verkettet sind. Sie funktionieren nach dem Konzept der Distributed-Ledger-Technologie (DLT). Das ist vereinfacht gesagt ein Buchführungssystem mit dezentral verteilten Büchern. Diese werden von den Teilnehmern des Netzwerks (Nodes) geführt und gespeichert. Transaktionen erfolgen direkt zwischen Käufer und Verkäufer (Peer-to-Peer). Demnach entfällt der Intermediär wie die Bank oder Wechselstube.

In den Blöcken können alle möglichen Transaktionen gespeichert sein. Mit einem Zeitstempel versehen lassen sie sich nicht mehr verändern und sind somit jederzeit nachvollziehbar. Dabei bauen spätere Transaktionen auf früheren auf und bestätigen deren Richtigkeit (Abbildung 1). Damit ermöglicht die Blockchain eine transparente und unlöschbare Aufzeichnung von Einträgen. Die einzelnen Blöcke werden von Validierern kontrolliert (bei der virtuellen Währung Bitcoin heissen diese «Miner»). Je nach Funktionsweise des Konsensmechanismus in der Blockchain sind mehrere Validierer nötig. Sobald ein Block verifiziert ist, wird er im Netzwerk geteilt.

Abbildung 1: Die Beständigkeit der Blockchain beruht auf der Unveränderbarkeit vorgängiger Einträge.

Der reelle Wert virtueller Währungen

Eine der häufigsten Blockchainanwendungen sind virtuelle Währungen, auch Kryptowährungen genannt. Sie führen einen digitalen Bezahlmechanismus aus. Dabei werden Transaktionsdaten von Inhabern kryptisch, also verschlüsselt, gespeichert.

Virtuelle Währungen haben ihren Ursprung in den 1990er-Jahren, als Programmierer und Kryptografen versuchten, den privaten E-Mail-Verkehr mit Verschlüsselungsalgorithmen gegen unliebsame Spams zu schützen. Die erste virtuelle Währung wurde vom Pseudonym Satoshi Nakamoto ins Leben gerufen. Der anonyme Erfinder präsentierte am 1. November 2008 die Idee einer Kryptowährung in «The Cryptography Mailing List» und nannte sie Bitcoin. Nur zwei Monate später fand die erste Transaktion mit Bitcoin statt. Seit 2011 ist es ruhig geworden um den Erfinder, nicht aber um die Weiterentwicklung seiner Idee.

Heute existieren über 3000 Blockchainanwendungen und virtuelle Währungen, wovon beinahe 100 ein tägliches Handelsvolumen von mehr als 1 Million US-Dollar erreichen.[1] Bitcoin als erste Kryptowährung ist die bekannteste. Der Erzeugungsalgorithmus von Bitcoins ist so angelegt, dass es nie mehr als 21 Millionen Bitcoins geben wird.

[1] Vgl. CoinMarketCap, Top 100 Cryptocurrencies by Market Capitalization

Vielschichtiges Potenzial

Die Blockchain mit virtuellen Währungen gilt aufgrund ihres disruptiven Ansatzes vor allem in der Finanzindustrie als «Game Changer». Nachfolgend drei Schlüsselvorteile im Überblick:

a) Neuartige Wertanlagen

Virtuelles Geld gewährt den Zugang zu einer breiten Palette von digitalen und kostengünstigen Anlageklassen. Es bietet die Möglichkeit, Vermögenswerte auf der Blockchain zu stückeln (tokenisieren). Dank der Tokenisierung kann das Vermögen frei aufgeteilt, gehandelt und zwischen den Eigentümern übertragen werden.

b) Smart Contracts

Smart Contracts sind Programme einer Blockchain, die mit Hilfe von wiederkehrenden Wenn-Dann-Schleifen einen Vertrag abwickeln und absichern. Sie automatisieren die Vertragserfüllung, nicht aber den Abschluss eines Vertrags. Smart Contracts eignen sich vor allem für standardisierte Massengeschäfte, wo sie repetitive Regeln abbilden.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung ist die Versicherung gegen Flugverspätungen: Angenommen, am Flughafen kommt es zu Verspätungen im Flugverkehr. Der Flughafen weiss aufgrund von Flugbuchungs- und Check-in-Daten, welche Fluggäste welche verspäteten Flüge nahmen und wie einschränkend die Verspätungen waren. Mit Smart Contracts könnte der Flughafen automatisch sämtlichen Fluggästen, die eine entsprechende Versicherung abgeschlossen und eine Prämie dafür bezahlt haben, eine angemessene Vergütung oder Rückvergütung des Tickets auszahlen.

c) Transaktionen in Echtzeit

Dank Blockchain und der Eigenschaften von virtuellen Währungen können Geldbeträge in unterentwickelten und nicht im Finanzsystem erschlossenen Gebieten direkt, ohne aufwändigen Prozess und Vermittler, transferiert werden. Die Transaktionen werden so kostengünstig und schnell möglich. Die Umwandlung in eine lokale Währung entfällt, da der Empfänger die virtuelle Währung für weitere Transaktionen verwenden kann.

Dazu ein vereinfachtes Beispiel, zuerst im klassischen Kontext: A möchte Geld nach Übersee an B überweisen. Dafür braucht er einen vertrauenswürdigen Intermediär, üblicherweise eine Bank. A gibt also seiner Hausbank die Überweisung in Auftrag. Diese dauert in der Regel einige Tage. Der Intermediär berechnet A für die Überweisung eine Kommission, entweder als Devisenkurs-Umrechnungsgebühr oder als Bankgebühr.

Nun dasselbe Beispiel in einer Blockchainumgebung: A löst eine elektronische Transaktion aus, die online in einem Block dargestellt und an alle Netzwerkteilnehmer geschickt wird. Die Miner prüfen, ob A das Geld auch wirklich besitzt und die Transaktion valide ist. Die Netzwerkteilnehmer lassen die anderen wissen, ob sie die Transaktion gutheissen. Erst wenn die Netzwerkteilnehmer (im Falle von Bitcoin die Mehrheit) ihre Zustimmung zur Transaktion gegeben haben, wird diese als Block mit Zeitstempel der Kette hinzugefügt. Und erst dann wird das Geld an B überwiesen – in der Regel innerhalb von wenigen Sekunden.

Von Risiken und Nebenwirkungen

Wie so oft bergen die grössten Stärken gleichzeitig die grössten Risiken. Genauso verhält es sich mit der Blockchain und virtuellen Währungen. Hier die wichtigsten Herausforderungen kurz erläutert:

a) Aufbewahrung der Wertanlagen

Vermögenswerte auf digitalen Konten (Wallets) sind zwar flexibel und schnell erstellt, doch sie werden nur lose mittels eines digitalen Schlüssels (Private Key) durch den Inhaber kontrolliert. Geht dieser Schlüssel verloren oder wird er entwendet, ist das Vermögen oft verloren. Berühmt ist der Fall des Briten James Howells, der für ein paar Cents eine Festplatte mit 7500 Bitcoins erworben und diese 2013 weggeworfen hatte. Heute wäre die Festplatte über 57 Millionen Euro wert. Zurzeit arbeiten mehrere Institutionen an der systematischen Aufbewahrung von Schlüsseln und somit am Zugriff auf die digitalen Werte.

b) Smart Contracts

Über Smart Contracts lassen sich zwar viele Eventualitäten regeln, aber längst nicht alle. Fehlerhafte Prozesse oder eine unzulängliche Programmierung können zu einer unsauberen Vertragsabwicklung führen. Die Vertragsparteien können einen Smart Contract nicht zurücknehmen; er wurde vereinbart und wird automatisch erfüllt. Und schliesslich ermöglicht die Transparenz der dezentralen Daten in der Blockchain, dass die Algorithmen, Vertragsparameter und Konditionen von Smart Contracts einsehbar sind, auch für nicht am Vertrag beteiligte Parteien.

c) Kein zentraler Vermittler

Mit der digitalen Übertragung von Vermögenswerten entfällt die Kontrollfunktion durch den Intermediär. Bislang haben Gesetzgeber, Aufsichtsbehörden und Standardsetter keine allgemein gültigen Kompensationskontrollen etabliert. Das erhöht das Missbrauchsrisiko, insbesondere für Geldwäschereidelikte. Ausserdem werden aufgrund der Dezentralisierung weder Bankauszüge noch technische Eigentumsnachweise erstellt.

Vertrauen gefragt

Mit einer angemessenen Governance, griffigen Kontrollen, klaren Prozessen und strengen Richtlinien lassen sich die beschriebenen Risiken verringern. Dafür lohnt es sich, die eingesetzte Infrastruktur oder ausgelagerte Prozesse von einer neutralen Drittpartei aufsetzen, überprüfen und zertifizieren zu lassen.

Wir von PwC haben für Kryptowährungen eine Anwendung entwickelt, in der wir unsere langjährige Erfahrung als Wirtschaftsprüfer, unser Wissen aus der Softwareentwicklung und unsere Blockchainexpertise vereint haben. Das System ist modular aufgebaut, wird kontinuierlich um neue Währungen erweitert und lässt sich auf die individuellen Bedürfnisse eines Unternehmens anpassen. Im Wesentlichen stellt es zwei Kernkontrollen sicher:

Nachweis der Eigentümerschaft

Mit dieser Anwendung kann ein Unternehmen den Besitz von virtuellen Vermögenswerten und die technische Verfügungsgewalt in der Blockchain einfach und schnell überprüfen. Sie unterstützt diesen Eigentumsnachweis entweder auf Einzelfallbasis oder regelmässig im Rahmen einer jährlichen Überprüfung der Grundgesamtheit oder eines Beispielsatzes.

Transaktionsreporting

Mit der Anwendung kann ein Unternehmen Transaktions- und Bestandsberichte für eine beliebige Anzahl von digitalen Vermögenswerten erstellen. Die konfigurierbaren Excel-Berichte lassen weitere Transaktionstests, Analysen oder Abstimmungen zu. In den Berichten enthalten sind die Eröffnungs- und Schlussbestände für den ausgewählten Zeitraum sowie sämtliche Transaktionsdetails inklusive damit verbundener Transaktionsgebühren der ausgewählten Kryptoadressen.

In vertrauensvollen Händen

Unsere Anwendung ermöglicht den unzensierten Zugriff auf sämtliche Informationen der Blockchain. Diese sind deshalb so wertvoll, weil sie unveränderbar in der Blockchain festgeschrieben und damit nicht manipulierbar sind. Eine derartige Anwendung ersetzt zumindest teilweise die Kontrollfunktion, die im konventionellen Ansatz der Finanzintermediär übernimmt. Mit diesem Tool unterstützen wir die Unternehmen im Umgang mit den Herausforderungen der Blockchaintechnologie und in der Implementierung von Prozessen und Kontrollen für ihre finanzielle und regulatorische Governance.

Quelle: "Do you need a Blockchain?", Karl Wüst, Department of Computer Science, ETH Zurich (https://eprint.iacr.org/2017/375.pdf)

Abbildung 2: Ist Blockchain für Sie relevant? Sechs Fragen, eine Antwort. 

Nicht nur für die Finanzwelt

Blockchainlösungen und virtuelle Währungen bieten sich nicht nur für Finanzdienstleistungen, sondern auch für andere Branchen und Alltagsbereiche an. Zum Beispiel für diese:

– Im Luxusgütergeschäft lässt sich die Wertschöpfung mit der Blockchaintechnologie vom Ursprung bis zum Erstkauf und darüber hinaus lückenlos nachverfolgen. Hier werden die Daten über die Rohstoffgewinnung, die Herstellung der Produkte, deren Handel und die gesamte Logistik unveränderbar und verlässlich gespeichert. Eine solche Datenhistorie übertrifft das Gütesiegel jedes Echtheitszertifikats oder Expertengutachtens.

– Im Internet der Dinge gehen physische und virtuelle Gegenstände über neue Technologien und Kommunikationstechniken Hand in Hand mit dem Benutzer. Wird Blockchaintechnologie mit künstlicher Intelligenz kombiniert, kann der smarte Kühlschrank die Milch oder andere Lebensmittel nach den Wünschen und Verbrauchsgewohnheiten des Benutzers automatisch nachbestellen und selbstständig bezahlen.

Ein oder kein Thema

Für viele sind die Blockchain und virtuelle Währungen ein analoges Buch mit sieben Siegeln. Falls das auch für Sie der Fall ist, lautet unser Vorschlag: Prüfen Sie, ob sich die Blockchaintechnologie zur Verbesserung und Effizienzsteigerung von Prozessen in Ihrem Unternehmen anwenden liesse. Mit nur wenigen Fragen wissen Sie, ob Blockchain für Sie ein Thema ist – und wenn ja, welchen Ansatz Sie ansteuern sollten (Abbildung 2).

Kontaktieren Sie uns

Adrian Keller

Partner and Leader Audit for Blockchain, PwC Switzerland

Tel.: +41 58 792 23 09

Sebastian Ahrens

Head Blockchain Solution Development, PwC Switzerland

Tel.: +41 58 792 1628

Bastian Stolzenberg

Blockchain Expert Assurance, PwC Switzerland

Tel.: +41 58 792 6877