Im Fokus: Nachhaltig wirtschaften

Konvergierende Ökosysteme: Wissen, was auf den Teller kommt – was die Reise unseres Gemüses über die Entwicklung der Nachhaltigkeit aussagt

Andreas Eschbach
Partner and Leader Smart Contract Assurance, PwC Schweiz

Andreas Eschbach, Smart Contract Assurance Leader bei PwC, schildert die von der Blockchain-Technologie genau dokumentierte Reise einer Rübe von der Scholle auf den Teller und zeigt so, wie Megatrends wie Distributed Ledgers, Cyber Security und Fintech für die nachhaltige Geschäftstätigkeit komplett neue Möglichkeiten eröffnen. Er spinnt den Faden weiter und stellt sich vor, wohin eine Konvergenz dieser neuen Technologien uns hinführen wird – und wie diese Weiterentwicklung vom Aufbau von Ökosystemen abhängt, denen die Stakeholder vertrauen können.

Nachhaltigkeit hat viele, manchmal auch gegensätzliche Facetten. Einerseits berichten die Medien fast täglich über Erderwärmung, Pandemien und Massenmigration. Andererseits sollen neue Technologien diese Probleme offenbar lösen und wir blicken einer nachhaltigen Zukunft entgegen. Was stimmt? Und weshalb sollen wir darauf vertrauen, dass wir diese Probleme lösen werden?

Vertrauen beginnt mit Wissen. Das kann damit beginnen, die komplexen ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekte der Nachhaltigkeit als Ökosysteme zu begreifen. Ich möchte das im Folgenden anhand eines konkreten Beispiels fassbar machen: Anhand der Rübe auf Ihrem Teller. Sie hilft uns, manche technologiebasierte Megatrends zu begreifen, die die Konvergenz von wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Ökosystemen vorantreiben. Sie hilft uns zudem zu verstehen, wie diese Trends nachhaltig operierende Unternehmen in Zukunft beeinflussen.


Wie passt die Rübe zur Entwicklung der Nachhaltigkeit?

Wagen wir ein kleines Gedankenexperiment. Um uns zu vergegenwärtigen, wie sich verschiedene Ökosysteme dank moderner Technologie mehr und mehr überschneiden, beginnen wir unser Gedankenspiel mit der Blockchain-Plattform. Damit können wir den Weg eines Anbauprodukts von der Ernte bis auf den Teller nachverfolgen. Mit etwas Fantasie können wir uns vorstellen, wohin uns diese Reise führt.

Unsere Geschichte beginnt mit dem fiktiven Landwirte-Ehepaar Martin und Ingrid Wälti. Die beiden bauen im Kanton Aargau Rüben an. Der Hof wird schon seit Generationen von Ingrids Familie geführt. In den 1980er-Jahren beschlossen sie, auf Bio umzustellen. Sie gehörten zu den ersten Landwirtschaftsbetrieben mit einer Bio-Suisse-Zertifizierung (das unverkennbare Knospen-Label).

Die Wältis verkaufen einen Teil ihrer Rübenernte an einen nationalen Schweizer Einzelhändler, der Lebensmittelläden im oberen Preissegment betreibt. Ein weiterer Teil der Rüben ist für den EU-Markt bestimmt. Und ein Anteil gelangt sogar in die USA zu einem New Yorker Gourmet-Geschäft, das traditionelle Schweizer Produkte verkauft, darunter auch die Aargauer «Rüeblitorte».

Die Wältis vermarkten ihre Rüben als Bioprodukt und verkaufen sie mehrheitlich an Abnehmer mit gehobenen Qualitätsansprüchen. Diese vertrauen darauf, dass Bio drinsteckt, wo Bio draufsteht, dass die Rüben frisch sind und es einige Tage bleiben, und dass deren ökologischer Fussabdruck minimal ist.

Blockchain als Retter

Gerade die letzte Anforderung bereitet dem Landwirtepaar Kopfzerbrechen. Sie wissen, dass sie den Betrieb nur dann nachhaltig gewinnbringend führen können, wenn ihr Ruf als erstklassiger Biohof einwandfrei bleibt. Daher beschäftigen sie sich damit, wie die französischen Lebensmittelriesen die Blockchain-Technologie erfolgreich einsetzen, um den Weg der Anbauprodukte vom Bauernhof bis ins Supermarktregal rückverfolgbar zu machen (vgl. French retailer Auchan implements blockchain food traceability, Ledger Insights, 2019 oder Carrefour says blockchain tracking boosting sales of some products, Reuters, 2019).

Diese Rückverfolgbarkeit funktioniert im Wesentlichen so: Jeder Teilnehmer der Lieferkette – sogar die Saatproduzenten – hält fest, wie und was genau er zum Prozess beiträgt. Diese Informationen werden in einer privaten Blockchain gespeichert. Zurzeit gibt es mehrere solche Lebensmittel-Blockchains, zum Beispiel die FoodChain-Plattform von TE-FOOD.

Diese Systeme umfassen in der Regel ein Lagerverwaltungstool, mit dem die Behörden die von den Anbauern ausgestellten Zertifikate prüfen. Sie bieten eine B2B-App, mit der Landwirte und Logistikunternehmen rückverfolgbare Daten bereitstellen. Und sie enthalten Apps für Mobilgeräte, mit denen die Verbraucher die Umweltverträglichkeit von Lebensmitteln überprüfen können. Die mobilen Apps sind gerade bei jungen Konsumenten sehr beliebt. In China zum Beispiel erfreuen sich QR-Codes bei den Käufern einer sehr grossen Beliebtheit.

Die Informationen sind äusserst detailliert. Sollten sich die Wältis für dieses System entscheiden, erhielte jede einzelne Kiste einen einmaligen Tag mit spezifischen Angaben zu den enthaltenen Rüben. Der Konsument könnte mithilfe dieser Informationen beispielsweise feststellen, ob die Rüben einer Lieferung oder Packung von einem Betrieb mit vollständiger Bio-Suisse-Zertifizierung oder IP-Suisse-Akkreditierung stammen. Sie könnten zudem mehr über die Anforderungen dieser Labels erfahren. So weiss der Endabnehmer in New York genau, wann die Rüben geerntet und auf welchem Weg sie transportiert wurden. Daraus lässt sich schliessen, wie lange die Ware frisch bleibt. Im (unwahrscheinlichen) Fall eines Rückrufs liesse sich umgehend feststellen, von welchem Produzenten die betreffende Charge stammt. So müssen nur genau diese Rüben aus den Regalen genommen werden.

Im beschriebenen Beispiel wird der Konvergenzprozess vom technologischen Megatrend der Blockchain vorangetrieben, sodass ein neues Ökosystem entsteht. Als Distributed-Ledger-Technologie bringt die Blockchain Landwirte, Zertifizierungsstellen, Logistikanbieter, Einzelhändler, Lebensmittelproduzenten und Konsumenten auf einer Plattform zusammen. Jeder Akteur profitiert von einer noch nie dagewesenen Transparenz. Die Anbauer verfügen über detaillierte Angaben zu ihren Produkten, Zertifizierungsstellen über detaillierte Informationen zur Überprüfung der Standards. Die Konsumenten wiederum haben alle Fakten, um besser zu entscheiden. Diese Entwicklung wirkt sich positiv auf alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit aus: Die ökologische (Förderung von Bio-Anbau und nachhaltigem Transport), die soziale (Reduzierung von Lebensmittelverschwendung) und die ökonomische (mehr Effizienz und Profitabilität für Anbauer, Logistikanbieter und Einzelhändler).

Rechnet sich das?

Wer weiss, wie verbreitet die Blockchain-Technologie in anderen Branchen ist, kann sich ausmalen, wie sich unser Rüben-Szenario weiterentwickeln könnte. Und wie sieht es mit nachhaltiger Finanzierung aus? Die Blockchain-Daten zur Rübenreise vom Feld auf den Teller enthalten viele Informationen, die sich potenziell auf die Entscheidungen nachhaltiger Anleger auswirken. Die Möglichkeit, mit diesen Informationen aus zentraler Quelle die Nachhaltigkeit ihres Rübenanbaus zu dokumentieren, wird den Wältis nutzen, falls sie je nachhaltige Investoren für die Erweiterung ihres Betriebes gewinnen müssen. Ausserdem werden die Informationen auch anderen Akteuren der Lieferkette dienlich sein, beispielsweise den Spediteuren, die das Gemüse transportieren, sobald sie die Nachhaltigkeit ihrer eigenen Geschäftstätigkeit dokumentieren müssen.

Einer Komponente der Distributed-Ledger-Technologie begegnet die Lebensmittelindustrie bisher noch mit Zurückhaltung: Dem Token. Solange die Branche an bestimmten Stellen der Lieferkette noch auf gedruckte Rechnungen angewiesen ist, wird sich daran nichts ändern – eine Analogie übrigens zu den mit der Blockchain verbundenen Kryptowährungen. In nicht allzu ferner Zukunft dürften Lebensmittel-Blockchains allerdings auch die Option einer direkten Zahlung via Token bieten.

Ein Wort noch zu Steuern, Mehrwertsteuer und Importabgaben: Es liegt auf der Hand, dass sich die entsprechenden Gebühren für jede Lieferung auch mittels Blockchain und zugehörigen Tokens bestimmen, erheben und begleichen lassen. Ein solches digitales, also papierloses System hätte enorme Auswirkungen auf die Arbeit der Steuer- und Zollbehörden, insbesondere für die Berechnung und Überweisung der Gebühren. Eine Transparenz dieses Ausmasses wäre revolutionär.

Und die Cyberrisiken?

Birgt diese noch nie dagewesene Transparenz Risiken? Wenn all diese Informationen in der Blockchain vorhanden sind (wenn auch für die Öffentlichkeit nicht zugänglich), müssten die Beteiligten nicht befürchten, dass wichtige Informationen bei der Konkurrenz landen? Und was ist mit der Blockchain selber? Ist sie tatsächlich revisionssicher, so wie es deren Befürworter behaupten? Oder lässt sie sich möglicherweise doch manipulieren?

Diese Fragen unterstreichen, wie wichtig das Thema Cybersicherheit ist. Hegt nur ein einziger Stakeholder Zweifel an der Sicherheit der Plattform und den gespeicherten Informationen, wird das Vertrauen in das Ökosystem untergraben. Der gemeinsame Nenner moderner Ökosysteme ist das Cyberrisiko. Sollen Ökosysteme nachhaltigere Geschäftsmodelle ermöglichen, müssen alle Glieder der Lieferkette Vertrauen in die Integrität des Systems haben.

Fazit: Bei Ökosystemen dreht sich alles um das Vertrauen

Der springende Punkt ist also das Vertrauen – Vertrauen in unsere Fähigkeit, funktionierende Lösungen zu finden. Vertrauen in unsere Kreativität zur Bewältigung der unglaublich komplexen menschlichen, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen. Vertrauen in die Technologien und Methoden, mit denen diese Herausforderungen in unserem Sinn überwunden werden. Kehren Sie bei der Lektüre der verschiedenen Aspekte der Nachhaltigkeit in diesem Disclose doch in Gedanken zu den Rüben der Familie Wälti zurück. Ist es nicht erstaunlich und faszinierend zugleich, wie einzelnen Ökosysteme auf unerwartete Weise zusammenkommen? Wir stehen am Beginn einer einmaligen Reise!


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Andreas Eschbach

Andreas Eschbach

Partner & Leader Smart Contract Assurance, PwC Switzerland

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