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Im Fokus: Circular Finance

Mit Investitionen weite Kreise ziehen

Dr. Antonios Koumbarakis
Sustainability & Strategic Regulatory Leader, PwC Schweiz

Zirkuläre Strategien und Geschäftsmodelle ermöglichen es den Wirtschaftsakteuren, den Wert von Kapital und Wertstoffen zu optimieren und beim Erreichen der Umwelt- und Klimaziele wesentlich mitzuwirken. Circular Finance spielt dabei eine Schlüsselrolle. Allerdings brauchte es dazu einen systematischen Wechsel von linearen zu zirkulären Denk- und Handlungsweisen, die auch den Investitionsprozess betreffen. Hier lesen Sie, warum dieser Wandel zögerlich erfolgt, obwohl er für unseren Planeten absolut vordringlich ist.

Ein Wort zu den Begriffen

Nachhaltige Finanzsysteme, nachhaltiges Investieren, Kreislaufwirtschaft – der begrifflichen Vielfalt im Thema Nachhaltigkeit sind kaum Grenzen gesetzt. Für ein besseres Verständnis definieren wir zum Auftakt einige Begriffe rund um grünes Wirtschaften:

  • Sustainable Finance umfasst nachhaltige Finanzanlagen. Diese haben im Zug der Klimadiskussion stark an Bedeutung gewonnen und sich in der Schweiz von 141,7 Mrd. CHF (2015) auf über 1'163 Mrd. CHF (2019) vervielfacht. Der Bundesrat hat am 17. November 2021 den Bericht zur klimaverträglichen Ausrichtung der Finanzmittelflüsse vorgelegt. Nachhaltige Finanzanlagen bieten dem Schweizer Finanz- und Werkplatz eine enorme Chance.
  • Circular Finance oder Circular Economy Finance beschreibt alle Finanzdienstleistungen oder -instrumente, die Faktoren der Kreislaufwirtschaft in die Geschäfts- oder Investitionsentscheidungen integrieren. Ziel von Circular Finance ist es, nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen oder zu beschleunigen und den Wandel von einem linearen zu einem zirkulären Wirtschaftsgeschehen zu fördern.
  • Circular Investing ist eine Unterkategorie von Sustainable Investing. Hier geht es um einen erleichterten Zugang zu Finanzmitteln als Anreiz und Lenkung von Investitionen in zirkuläre Vorhaben oder Innovationen. Es gibt bereits vielfältige Vehikel, von Circular Bonds über Anleihen und Krediten für Circular Investments bis hin zu Venture Capital für zirkuläre Projekte. Eine besondere Herausforderung ist die Messbarkeit der Zirkularität. Hier gilt es festzulegen, welche Strategien der Kreislaufwirtschaft (siehe weiter unten) und welche Leistungskennzahlen man berücksichtigt.
  • Impact Investing als weitere Unterkategorie von Sustainable Investing orientiert sich an einer klar messbaren Wirkung. Als Beispiel dient ein Cleantech-Fonds für den Einsatz von Wasserstofftechnologie in der Herstellung oder im Recycling von Produkten.

Linear vs. zirkulär

Unser seit Jahrzehnten gelehrtes Wirtschaftsprinzip verläuft linear: Wir erfinden, entwickeln, produzieren, bewerben, konsumieren, trennen, entsorgen und recyceln. Allerdings fliessen die meisten Rohstoffe dem Wirtschaftskreislauf nicht wieder zu oder verlassen diesen nach wenigen Runden, so etwa PET. Auf diese Weise werden wertvolle Ressourcen vergeudet oder gehen unwiderruflich verloren.

Ein zirkuläres Wirtschaftsmodell will genau das verhindern. Das Ende eines Produkt- oder Dienstleistungslebenszyklus markiert den Start eines neuen. Die Kreislaufwirtschaft sieht vier Strategien vor, um die Abhängigkeit von Ressourcen zu verringern (vgl. Abbildung 1).

Der zirkuläre Ansatz bietet vier Strategien, die nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen.

Abbildung 1: Der zirkuläre Ansatz bietet vier Strategien, die nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen.

Treiber der Klimadiskussion

Im Zentrum der Klimadebatte stehen Ressourcenverbrauch und Emissionen. Die meisten Treibhausgasemissionen resultieren aus linearen Prozessen, zum Beispiel aus der Bauwirtschaft oder beim Energieverbrauch. Darum hat sich die internationale Gemeinschaft seit einiger Zeit ambitionierte Umwelt- und Klimaziele gesetzt, zum Beispiel mit dem Übereinkommen von Paris, den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen, dem EU-Aktionsplan für ein Finanzsystem nach ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales und Governance) oder mit der Klimapolitik 2050 des Schweizer Bundesrates. Diese Ziellinien können wir nur dann passieren, wenn wir uns zu 100 Prozent auf Zirkularität konzentrieren. Mit Circular Finance werden Anreize geschaffen, um Investitionen in zirkuläre Ansätze zu lenken und klimaneutrale Innovationen zu fördern.

Neue Opportunitäten, neue Prozesse

Die Wirtschaftsakteure erschliessen sich mit der Kreislaufwirtschaft im Allgemeinen und mit Circular Finance im Besondern ein facettenreiches Potenzial. Zum einen leisten sie einen substanziellen Klimazielbeitrag. Zum anderen zeigen sie sich zukunftsorientiert, stärken ihr Renommee und verschaffen sich einen wertvollen Wettbewerbsvorsprung. Circular Finance bedingt, dass die Unternehmen ihre gesamte Wertschöpfung durchleuchten und gegebenenfalls neu aufsetzen: vom Einkauf von Rohstoffen oder Halbfabrikaten über Abhängigkeiten von Monopolanbietern und Beschaffungsalternativen bis zur schrittweisen Reduktion von Giftstoffen und zur Investition in Innovationen.
Wer finanzseitig zum Prinzip von Circular Finance übergehen möchte, muss sämtliche Phasen seines Investitionsprozesses überarbeiten (vgl. Abbildung 2).

Circular Finance erstreckt sich über den gesamten Anlageprozess.

Abbildung 2: Circular Finance erstreckt sich über den gesamten Anlageprozess.

Finanzindustrie in Pole-Position

Banken, Versicherungen und andere Finanzdienstleister befinden sich an der Schnittstelle von der Finanzwirtschaft zur Realwirtschaft. Sie können die Kapitalströme so ausrichten, dass diese den Wechsel von einem linearen zu einem zirkulären Wirtschaftsmodell begünstigen, indem sie ent-sprechende Anreize setzen, die Themenführung übernehmen, Kreislaufkredite vergeben und so Zirkularität fördern. Zum Beispiel so:

  • Investitionen in Cleantech oder in neue Recyclingtechnologien tragen dazu bei, dass sich Ressourcenkreisläufe schliessen.
  • Investitionen in regenerativen ökologischen Landbau leisten einen Beitrag zur Regeneration von Ressourcen.
  • Investitionen in Geschäftsmodelle wie Sharing- oder Gebrauchtwarenplattformen, die Langlebigkeit von Produkten in den Mittelpunkt stellen, unterstützen die Strategie der Verlangsamung.

Mit dem Kapital von Anlegern in der Schweiz lässt sich viel bewegen, nicht nur international, sondern auch lokal. Mit Circular Finance entstehen neue Tätigkeitsfelder und Geschäftsmodelle – sprich neue Jobprofile und Arbeitsplätze. Indem die Schweizer Finanzindustrie die Funktion des Ermöglichers übernimmt, stärkt sie die Aussenhandelsposition und Attraktivität des Wirtschafts-standortes Schweiz wesentlich.

Der Übergang zu einem zirkulären Wirtschaftsmodell birgt das Risiko der Ressourcenknappheit. Die Finanzindustrie ist in der Pflicht, das Verständnis für dieses Risiko zu schärfen, etwa hinsichtlich der Preisvolatilität. Sie muss es in der Gestaltung ihrer Angebote berücksichtigen und definieren, wie Unternehmen und Investoren es adressieren.

Gesetzlicher Rahmen erwünscht

Damit der Paradigmenwechsel hin zur Zirkularität in geordneten Bahnen abläuft, sollte der Staat einen optimalen Regulierungsrahmen errichten. Die aktuellen Entwicklungen der nationalen und internationalen Gesetzgebung untermauern die Schlüsselposition der Finanzwirtschaft, etwa mit der Verordnung 2020/852 des europäischen Parlaments und Rates vom 18. Juni 2020 über die Einrichtung eines Rahmens zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen oder mit dem Rechtsakt zur Taxonomie-Verordnung der EU vom 6. Juli 2021. In der Schweiz hat der Bundesrat am 24. Juni 2020 einen Bericht und Leitlinien zur Nachhaltigkeit im Finanzsektor verabschiedet.

Fazit

Die aktuelle Ökonomie ist linear und schadet als solche unserem Planeten. Neue, digitale Technologien haben neuartige Möglichkeiten geschaffen, umweltschonend mit Ressourcen umzugehen und zum Erreichen der hochgesteckten Klimaziele beizutragen. Circular Finance ist eine dieser Chancen.

Aktuell ist Circular Finance noch viel zu wenig bekannt. Es braucht nicht nur mehr Präsenz, sondern auch mehr Betroffenheit. Dazu müssen vorab ein anerkannter Rahmen der Regulation, klare Messbarkeit mithilfe von Kenngrössen und Leistungsindikatoren sowie eine einheitliche Besteuerung von zirkulären Bestrebungen etabliert werden. Nur so sprechen Banken, Investoren, Behörden und Kunden die gleiche Sprache und nutzen Synergien.
Doch das allein reicht nicht aus. Denn erst wenn jede und jeder Einzelne sein Konsum- und Energieverhalten ändert und wir von einer Maximierung des Nutzens zu einer Optimierung des Beitrags zum Ganzen wechseln, können wir den grossen Problemen wie Klimawandel oder Biodiversitätsverlust nachhaltig begegnen. Diese Transformation verläuft langsam – ist aber notwendiger denn je.

Kontaktieren Sie uns

Dr. Antonios  Koumbarakis

Dr. Antonios Koumbarakis

Head Sustainability & Strategic Regulatory, PwC Switzerland

Tel.: +41 58 792 45 23